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Roswitha Hardt II

Roswitha Hardt… Als Hobby-Hochsee-Angler unternahm ihr Mann Fernreisen nach Kuba, Mauritius und Kenia, zu denen Roswitha Hardt ihn gerne begleitete. Ein befreundetes Ehepaar gesellte sich dazu. Die Männer gingen angeln, die Frauen schwimmen oder auf Safari, abends tauschte man sich aus. Gemeinsamkeit und Unabhängigkeit – ihr Konzept für Wohnen und Reisen ging auf. Während andere es als langweilig empfinden, einem Mann beim Angeln Gesellschaft zu leisten, geht es Roswitha Hardt ganz anders: „Das ist überhaupt nicht langweilig, weil ich die Ruhe liebe. Man muss die Ruhe fühlen können, dann ist das richtig.“ Zehn Jahre lang hatten sie einen eigenen Teich, eine Hütte, eine Bank. Das genügte, um stundenlang am Wasser zu sitzen, die Stille gemeinsam zu genießen und Vögel zu beobachten. „Wir konnten gut zusammen schweigen und auch gut zusammen reden.“

Sie schweigt berührt und erzählt von seinem plötzlichen Tod mit nur 55 Jahren. „Das hätte nicht sein müssen. Ich war 15 Jahre älter, aber es hat gut geklappt. Für den, der so geht, ist es in Ordnung, aber furchtbar für die, die zurückbleiben.“ Sie besuchte eine Trauergruppe in einem Hospiz, mit dessen Leiter sie bis heute Kontakt hält. Allmählich erhielt sie einen anderen Blick auf die Fragen, die ein plötzlicher Tod aufwirft. Bis heute hat sie es dennoch nicht übers Herz gebracht, die Wohnung ihres Mannes ganz aufzulösen, seine Habe vom Dachboden zu entsorgen. „Ich öffne einen Karton und klappe ihn wieder zu. Es geht einfach nicht“, sagt sie, während ihre Schwester in den Raum kommt, um einige Fotos zu machen. „Das ist völlig in Ordnung. Das braucht Zeit, und die erlaubt sie sich nicht“, kommentiert Beate Knappe. „Ja, aber wenn ich alles so stehen lasse, musst du das irgendwann allein machen“, erwidert Roswitha Hardt. „Ja und?“

Sie sammelt sich, denkt zurück an Fernreisen nach Kenia und Jamaika mit ihrem Mann und gemeinsamen Freunden. 1995 kamen sie auf die Idee, mit dem Rotel Bus, einem rollenden Hotel-Fahrzeug, in dem man in winzigen Kabinen übernachtet, nach Alaska und Kanada zu fahren. „Vorne fahren, hinten schlafen“, bringt sie es auf den Punkt. „Total bescheuert! Total bescheuert!“, ruft Beate Knappe dazwischen und positioniert die Lichtquellen neu. „,Jo, da bin ich dabei‘, hab ich gesagt, und so haben wir die erste Tour mit Rotel gemacht. Ich hab noch nirgendwo so gut geschlafen“, beteuert Roswitha Hardt. Die unkomplizierte Art, mit einem Bus auf einem Campground zu bleiben, wenn es einen Stellplatz gibt, gefiel ihnen so gut, dass sie ab da kurzerhand ihre Reisen allein organisierten. 1997 mieteten sie mit ihren Freunden zwei Wohnmobile und fuhren durch Kanada: „Westen, Rocky Mountains und die Nationalparks. Das ist ein Klacks! Du setzt dich in den Flieger, nimmst das Wohnmobil und fährst los. Und: Mein Mann kochte wie ein Weltmeister! Elchfleisch, Heilbutt, Lachs, so groß wie Bettvorleger, man musste sie erschießen, fantastisch!“ Bei der Erinnerung an seine King Crabs in Weinsauce läuft ihr noch heute das Wasser im Munde zusammen.

1999 reisten sie nach Alaska. „Für meinen Mann haben wir drei Tage auf einer Angel-Lodge mitgebucht und ihn dort abgesetzt“, erzählt sie mit trockenem Humor. „Wir haben uns dann von Anchorage nach Kodiak zur Bärenbeobachtung ausfliegen lassen.“ Ihre Augen blitzen begeistert. Beate Knappe fotografiert. 2001 fuhr sie mit ihrem Mann alleine. Da er keinen Führerschein hatte, übernahm Roswitha Hardt das Steuer. „Ein Auto fahren in Kanada oder Alaska ist ein Traum. Kein Mensch ist unterwegs, und die Leute sind enorm hilfsbereit.“ Drei Wochen lang genossen sie die Reise. „Nur dann kam der 11. September 2001, es gab keine Flüge nach Hause mehr“, erinnert sie sich. Die Wohnmobilfirma kümmerte sich um die Verlängerung der Unterkunft, hielt sie auf dem Laufenden über die Geschehnisse nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Mit einigen Tagen Verspätung konnten sie den Rückflug nach Hause antreten.

„Damals habe ich schon nicht mehr gearbeitet. Die Firma wurde an jemanden verkauft, der keine Ahnung von Glas und Porzellan hatte. Mir wurde gekündigt, weil ich zu teuer war, und nach drei Jahren Arbeitslosigkeit konnte ich vorzeitig in Rente gehen. Ab 2001 war ich jedes Jahr mit meinem Mann für vier, fünf Wochen in Kanada“, berichtet sie. Die traumhafte Weite unberührter Landschaft und die Einsamkeit in der Natur begeistern sie noch immer. Abseits der bekannten touristischen Pfade entdeckte sie ein Museum indianischer Ureinwohner, genoss die Freiheit, dort zu bleiben, wo es schön ist, und die Möglichkeit, Gegenden zu erkunden, in die ihre Neugier sie trieb. Gruppenreisen ohne individuelle Selbstbestimmung, womöglich als Einzelperson unter Ehepaaren, liegen ihr nicht so ganz, wie sie nach dem Tod ihres Mannes während einer dreiwöchigen Tour nach Chile und Patagonien schmerzlich erlebte, dennoch zieht sie den Schutz der Gruppe vor, wenn ihr das Land noch unbekannt ist. Kanada oder Alaska zu bereisen, das traut sie sich inzwischen ohne Weiteres auch alleine zu: „Alaska gehört zwar zu den USA, aber da ist es noch so wie früher in den Fünfzigerjahren. Und Kanada und Kriminalität? Das gibt es nicht. Auf dem Land hilft man sich. Die drei Straßen, die es oben im Norden gibt, die hab ich im Kopf“, lacht sie und setzt nachdenklich hinzu: „Ob ich da noch mal hinkomme?“

Durch Namibia reiste sie in der Gruppe eine Woche lang per Zug, von Windhoek durch den Etosha Nationalpark an der Küste entlang bis zu einer Lodge im Krüger Nationalpark, wo sie noch eine Woche im Bungalow blieb. „Das ging dann schon besser. Das war auch spaßig. Mit Elfriede teilte ich mir ein Zug-Abteil, das passte gut. Wir hatten vielleicht einen Quadratmeter Platz zum Stehen. Zum Piepen! Bei dem Tempo dachte ich allerdings manchmal, der springt gleich aus den Schienen!“, erinnert sie sich.

Vietnam bereiste sie im vorigen Jahr von Saigon bis Hanoi und flog dann nach einer Nacht in der Halong-Bucht weiter nach Laos und Kambodscha. „Vietnam: ja. Am besten über Weihnachten. Aber Kambodscha: Das ist kein Klima für mich, man hat kein trockenes Teil mehr am Leib!“ Ihr Vorteil: Sie kann überall gut schlafen, verträgt das Essen und hält sich seit 15 Jahren durch regelmäßigen Sport fit: Montags und freitags geht sie zum Schwimmen, mittwochs zur Gymnastik, konsequent und ausdauernd. Die zwei künstlichen Hüftgelenke merkt man ihr nicht an, die Operationen und Rehamaßnahmen hat sie sehr gut bewältigt.

Dieses Frühjahr ließ sie sich zu einer Kreuzfahrt überreden, obwohl sie befürchtete, sich mit Hunderten von Gästen auf einem Schiff nicht wohl zu fühlen. „Wir sind bis Oslo geflogen, mit der Bahn nach Bergen gefahren, dort aufs Schiff gegangen und bis Hammerfest und wieder zurück gereist. Es war traumhaft!“, schwärmt sie. Was ihr entgegenkam: Die Hurtigroute wird von Containerschiffen befahren. „Man wird nicht bespaßt, den Spaß muss man sich selbst machen. Gott sei Dank! Dafür hält das Schiff natürlich auch an jedem kleinen Furzhafen“, ergänzt sie salopp. Der blaue Himmel über schneebedeckten Bergen, wenige Häuser am Küstenrand, die Weite der Natur, all das erinnerte sie an Kanada.

Beate Knappe bekommt Besuch von einer Kundin und zieht sich zum Gespräch in das hintere Arbeitszimmer zurück. Mit ihrer Schwester und deren beiden Hunden fährt Roswitha Hardt seit dem Tod ihres Mannes jedes Jahr im Frühjahr und im Herbst für 14 Tage auf die niederländische Nordseeinsel Ameland. „Nach dreieinhalb Stunden Fahrt und 45 Minuten mit der Fähre ist man zu Hause.“ Das Naturstein-Haus eines alten Walfischfängers mit großem, eingezäuntem Garten gefiel ihr besonders gut. Aber das Treppensteigen in der Nacht möchte sie in Zukunft vermeiden. Für nächstes Jahr haben beide deshalb einen ebenerdigen Bungalow gebucht.

Roswitha Hardt hat ihren Umkreis kontinuierlich expansiv ausgeweitet, von Treibjagden zu Fuß bei Wind und Wetter über Wiesen und Stacheldraht über kleine Reisen ins Mittelmeer bis zu großen Fernreisen, auf denen sie von der Grandiosität unberührter Natur und dem Klang der Stille am tiefsten beeindruckt war. Ein Traum ist bisher noch offen geblieben: „Ich möchte mal in die Mongolei reisen“, sagt sie.

Im nächsten Jahr steht ihr eine Augenoperation bevor, mit der sie ihre Lesefähigkeit erhalten möchte. Denn wenn sie nicht reist, liest sie darüber! Ihr aktuelles Buch: „Die Reise mit Charley“, ein unterhaltsamer Reisebericht von John Steinbeck, der 1960 mit seinem Pudel Charley in elf Wochen 34 Bundesstaaten Amerikas besuchte. Der Fernsehbericht „Ein Mann, ein Hund, ein Pick-up“ über August Zirner, der Steinbecks Reise mit seinem Hund nachvollzogen hat, machte sie auf das Buch aufmerksam. „Das Fazit von Zirner: Es ist immer noch wie früher!“

Was sie durchs Leben trägt? „Manchmal rede ich mit dem Universum, und ich gehe gerne nach Neviges in den Dom. Die Akustik und die Atmosphäre sind dort ganz besonders. Und je nachdem, wie das Sonnenlicht durch die Rosen-Fenster fällt, ist das traumhaft schön“, sagt sie. Dort fühlt sie sich behütet. „Dieses unerklärliche Gefühl kenne ich auch aus der Kathedrale von Chartres.“ Ihren Mann hat sie auf einem Wiesengrab unter einem Baum bestattet. „,Ich brauche keine Kirche, die Natur, das ist meine Kirche‘, hat er immer gesagt. Ich denke, das hätte ihm gefallen.“

Manchmal fragt sie sich: Lebst du so, wie du möchtest? Wie möchtest du denn leben? Ist es nicht gut so, wie es ist? Ihre Antwort: In der Not kannst du auf ein großes soziales Umfeld zurückgreifen. Ja, es ist gut so, wie es ist. Ein gutes Leben? „Ich hoffe, dass man das so sagen kann. Ja.“

Roswitha Hardt I

Roswitha Hardt„Guten Tag!“ Im Türrahmen des Düsseldorfer Fotostudios ihrer Schwester, Beate Knappe, steht Roswitha Hardt und bittet mich herein. Ihr Kurzhaarschnitt, eine leichte Metallbrille, ein kariertes Hemd mit lilafarbener Weste, helle Jeans und flache Schuhe verleihen der Mittsiebzigerin ein sportliches Aussehen. Ihr Gesicht: übersät mit Sommersprossen, ihre Erscheinung: stattlich, eine Frau, die Tacheles reden kann, ehrlich und direkt. „Ein Meter 84 groß, wenn das noch stimmt“, sagt sie, während wir im Studio Platz nehmen, umgeben von ausdrucksstarken Porträtfotos in Schwarz-Weiß, die ringsum an den Wänden hängen. „Ich erzähle alles“, erklärt Roswitha Hardt bereitwillig, bietet mir gleich das Du an und lehnt sich entspannt zurück.

„Beate ist meine jüngere Halbschwester“, beginnt sie. „Wir haben dieselbe Mutter, aber nachdem mein Vater 1944 gefallen ist, hat meine Mutter noch mal geheiratet, und 1950 wurde Beate geboren.“ Roswitha Hardt wurde 1940 in Wülfrath, im Niederbergischen Land, geboren. Dort wuchs sie auf und zog später nach Neviges in das Haus ihrer Großmutter. „Das ist zwar nicht so ganz mein Ding, aber jetzt bin ich schon so lange in Neviges … Wir haben dort jemanden, der für seinen Blog den Grimme-Preis bekommen hat. Er schreibt immer über ,das Kaff‘, aber ironisch-nett. Und so ist es auch“, amüsiert sie sich. „Bei uns ist nichts los, wir können natürlich auch kein Geld ausgeben. Das ist sein Fazit.“

Der Altersunterschied zwischen den beiden Schwestern war in der Kindheit zu groß, um Spielkameradinnen sein zu können. Mit einem Baby konnte sie damals nicht viel anfangen: „Ich sollte Beate dann verwahren, dazu hatte ich keine Lust, ich wollte lieber spielen“, gibt sie offen zu. Erst in den letzten Jahren, nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, rückten beide näher zusammen. „Dann stand sie da und hat das geregelt. Mittlerweile sind wir uns sehr nah gekommen“, sagt sie leise. „Früher waren ja jede Menge Kinder da, im Haus, in der Nachbarschaft. Wir haben viel gespielt“, erinnert sie sich. Ob auf der Straße oder im großen Hof hinterm Haus – Rollschuhe, Roller, Rappelbilder, Hüpfkasten, Völkerball waren die Spiele ihrer Kindheit. Vor dem Fernseher zu sitzen war damals noch keine Option. Man bewegte sich draußen.

Roswitha Hardt erhielt eine Empfehlung fürs Gymnasium, die Kosten hierfür wollte eine Patentante übernehmen. „Ich habe gesagt, nein, da will ich nicht hin.“ Unter Kindern aus reichen Unternehmerfamilien hätte sie sich nicht wohlgefühlt. „Da war der Vater Direktor der Kalkwerke oder eines Karosseriewerks und und und … Das war nicht meine Welt.“ Entschlossen begann sie 1955 nach der Volksschule in Velbert eine dreijährige Lehre als kaufmännische Angestellte im Verkauf für Glas und Porzellan. „Es war damals sehr schwer, eine Lehrstelle zu bekommen. Ich habe überall Prüfungen gemacht, meine Mutter war immer dabei. Glas und Porzellan: Das hat mir am Anfang gar nichts gesagt“, erzählt sie. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sie genau die richtige Entscheidung getroffen hat. Der schöne Werkstoff faszinierte sie immer mehr, und nach der Lehre ging sie nach Mettmann und besuchte in ihrem Urlaub die Fachschule in Zwiesel, wo gehobene Glaskultur seit Jahrhunderten Tradition hat.

Über 40 Jahre war sie als Verkäuferin und Einkäuferin für Glas und Porzellan tätig und erteilte den Lehrlingen Unterricht. Warum der Werkstoff sie begeistert? „Weil das eine ganz tolle Klamotte ist!“, bricht es aus ihr heraus. Sie gerät ins Schwärmen. „Allein die Herstellung – hochinteressant! Es ist äußerst schwierig, mit der langen Glaspfeife Glas zu blasen. Und die Hitze! Alle haben eine Kanne Wasser neben sich stehen, das habe ich noch gut in Erinnerung. Das haben wir auch gelernt genauso wie Gravieren und Schleifen. Porzellan ist eine Mischung aus Kaolin, Quarz und Feldspat und war früher eher rötlich“, erklärt sie sachkundig und spricht über China und Meissen. Zwanzig Jahre war sie damals alt. Die zwei Wochen in Zwiesel mit Ausflügen nach Luisenburg und Passau stehen ihr noch lebhaft vor Augen. „War schön!“ Außerdem nahm sie sich schon damals vor, immer etwas mehr zu können und zu wissen als die andern, um sich beruflich möglichst gut abzusichern.

Ihren ersten Mann lernte sie auf der Mettmanner Kirmes kennen, mit 25 heiratete sie. „Für die damalige Zeit war das spät. Mit 30 war dann alles zu Ende“, resümiert sie nüchtern. Den Kontakt zu seiner Großmutter hielt sie trotzdem aufrecht. „Die Oma konnte ja nichts dafür. Ich hab sie jede Woche einmal besucht.“ Mit deren Tochter, seiner Tante, begann sie damals zu verreisen. Die ersten Touren unternahmen sie noch mit dem Auto, in den Siebzigerjahren begann dann die Zeit der bezahlbaren touristischen Flugreisen. „Über den Jugendfahrtendienst war ich 1962 einmal alleine auf Mallorca, da dauerte der Flug in der Propellermaschine noch vier Stunden. Zwischendurch wollte ich aussteigen, weil mir schlecht war.“ Sie lacht. „Der Flughafen war nur eine Wellblechbude, das war noch richtig abenteuerlich. Aber es waren nur junge Leute da. Das hat mir gefallen.“

Die Liebe zum Reisen wurde ihr bereits in die Wiege gelegt und blieb bis heute ihre große Leidenschaft: „Unsere Mutter hat ihren Bruder in Polen mit dem Zug besucht und mich schon als Säugling mitgenommen“, erzählt sie. Was ihr am Reisen gefällt? „Ich bin ein neugieriger Mensch“, antwortet sie spontan. Das Leben der anderen, die Landschaft, alles Fremde interessiert sie. Die Entfernungen wurden weiter, die Reisen länger, Roswitha Hardt las vorab Bücher, bereitete sich vor, wusste sich vor Ort sofort zu orientieren.

Als sie mit Mitte Dreißig das Haus ihrer Großmutter erbte, vermietete sie die leer stehende erste Etage und lernte so ihren zweiten Mann kennen, der mit seiner Mutter einzog. „Er hat sich die Wohnung angesehen, stand im weißen Malerdress im Türrahmen, und ich dachte: Das ist der richtige Mann!“ Auf zwei Etagen im selben Haus näherte man sich an. „Da fing die Klüngelei an, das war ganz praktisch“, sagt sie salopp. Bei Streit konnte sich jeder zurückziehen. „Wir haben dann auch noch sehr spät geheiratet. Das hat über 30 Jahre gehalten.“ Die Erinnerung geht ihr nahe…

Elisabeth Schönefeld (Name geändert) IV

Porträt zum 80. Geburtstag

love-393919_640… „Nach einem Jahr absolvierte mein Mann ein Praktikum in Göttingen. Mich hatte das Krankenhaus gebeten, noch ein Vierteljahr weiterzuarbeiten, als meine Kollegin ausfiel. Es hat mir gefallen, dort sehr selbstständig arbeiten zu können. So waren wir für drei Monate getrennt und besuchten uns an den Wochenenden“, erzählt sie. Schließlich bezogen sie eine günstige Wohnung am Stadtrand. „In Göttingen kam dann unser ältester Sohn, Michael, zur Welt. Mein Mann hatte immer das Glück, dass sein Chef ihn überallhin mitnahm, wenn er einen Ruf an eine andere Universität erhielt. So wurde er in seiner wissenschaftlichen Laufbahn immer weiter gefördert. Dadurch sind wir so oft umgezogen.“ Der Umzug in die Residenz war ihr 13. Wohnortwechsel. Inzwischen fühlt sie sich hier zu Hause.

Elisabeth Schönefeld steht auf, um Tee nachzuschenken. „Ich freue mich richtig, dass Sie da sind“, sagt sie und serviert mir noch ein Stückchen Kuchen.

In München forschte ihr Mann an einem renommierten Institut, um für seine Habilitation wissenschaftlich zu arbeiten, während Elisabeth Schönefeld zu Hause blieb. „Er führte Messungen von Natrium im Urin von Hunden durch, bereitete seine Hochschulvorlesungen vor und ging auch an den Wochenenden ins Institut. Zum Teil musste er sogar nachts arbeiten. Da war ich schon sehr viel allein mit dem Baby. Den anderen Medizinerfrauen ging es ähnlich. Wir mussten uns daran gewöhnen.“ Die Karriere des Mannes ging vor, Zeit für Familie und Freunde blieb damals kaum. Man lebte in sparsamen Verhältnissen mit der Aussicht, dass es immer nur aufwärts gehen konnte. In der Forschung im Institut zu bleiben kam für ihren Mann dennoch nicht in Frage. Er fühlte sich dazu berufen, wieder an die Klinik zurückzukehren und Patienten zu helfen. So entschieden sich beide, wieder nach Bonn zu wechseln. „Das war für mich wirklich schön. Ich bin als Preußin in Bayern nie heimisch geworden und konnte nicht wirklich Anschluss finden. Das viele Alleinsein machte mich oft traurig.“ Am Ende der Münchner Zeit wurde ihr zweiter Sohn, Peter, geboren. Sie fanden eine schöne Dreizimmer-Wohnung, ihr Mann fuhr mit dem Auto zur Uniklinik, habilitierte sich und wurde mit 36 Jahren zum Professor berufen. „In den ersten Semestern hat er ein bisschen gebummelt. Ich durfte ja als junges Mädchen auch die Feste und Bälle der Corpsbruderschaften mitmachen. Das war schon ein tolles Leben. Später hat er die verlorene Zeit durch Fleiß und Ehrgeiz wieder aufgeholt.“ Man etablierte sich. Walter Schönefeld folgte seinem Chef nach Köln und wurde Oberarzt.

Die junge Familie bezog zunächst eine Wohnung und konnte sich ein Jahr später vergrößern. Elisabeth Schönefeld kaufte gerne in einer kleinen Boutique ein und kam mit der Besitzerin ins Gespräch, die einen Umzug plante und ihr Haus zur Miete anbot. „Bis 1981 wohnten wir dort, dann wurden rundum sehr schöne neue Häuser gebaut. Mein Mann ging immer durch die Neubauten und schwärmte mir von versetzten Treppen und Ebenen vor, aber wir ließen unser Geld lieber den Kindern zugutekommen, bevor wir in Eigentum investierten.“ Sie unternahmen gemeinsame Reisen, segelten, liefen Ski und zeigten ihren Söhnen die schönsten Gegenden. Es war ihnen wichtiger, zusammen etwas zu erleben. „Und die Kinder fahren heute mit unseren Enkeln an dieselben Orte. Ein schöneres Danke gibt es doch gar nicht“, resümiert sie.

Nach 15 Jahren als Oberarzt in Köln erhielt Walter Schönefeld das Angebot, die Kardiologie in Solingen samt Intensivstation zu übernehmen, eine große Verantwortung, die seinen vollen Einsatz forderte. Gemeinsam kauften sie ein Haus in Solingen, und Elisabeth Schönefeld blieb noch für ein Jahr in Köln, da ihr jüngster Sohn mitten in Abiturvorbereitungen steckte. In dieser Zeit lernte Walter Schönefeld seine jetzige zweite Frau kennen. Die Familie war erschüttert. „Er war 50. Sie spielte Tennis. Das war für mich eine ganz schreckliche Zeit.“ In der Hoffnung, ihre Ehe zu retten und dieses Tief gemeinsam zu überwinden, zog sie in das Solinger Haus. „Ich hatte so viel Gottvertrauen, weil mein Mann damals sagte, es muss ja nicht für immer sein. Ich kam aus einer heilen Welt. Das war ein ganz tiefer Fall“, sagt sie leise. „Aber ich konnte 30 Jahre lang alleine in dem Haus wohnen und er hat alles für mich bezahlt. Nach dem Verkauf des Hauses hat er mich sehr großzügig beteiligt. Deshalb kann ich jetzt hier in der Residenz so schön wohnen. Das rechne ich ihm hoch an.“ Die Söhne waren aus dem Haus und gingen ins Studium, sie fand wieder Arbeit als Krankengymnastin. Wie sie den Schmerz der Trennung bewältigte? „Ich habe noch nie so viel in meinem Leben geweint wie die ersten Jahre in diesem Haus. Und ich habe intensiv innerlich an mir gearbeitet. Verstehen kann ich es bis heute nicht, in gewisser Weise verziehen habe ich ihm wohl.“ Eine Narbe bleibt dennoch, die Bilanz ist immer wieder schmerzlich. Eine Verbindung mit einem anderen Mann kam für sie nie in Frage. „Was uns beide berührt und wir zusammen empfinden, das hätte mir kein anderer Mann geben können. Ich hätte innerlich immer verglichen“, gesteht sie sich ein. Die Schönefeldschen Familienfeste meidet sie bis heute. „Das kann ich noch nicht.“

Inzwischen steht Elisabeth Schönefeld wieder in freundschaftlichem Kontakt mit ihrem Ex-Mann und blickt dankbar auf ihre langjährige Ehe zurück. Sie ist stolz auf ihre Söhne, die als Arzt und Unternehmensberater erfolgreich sind, und eine begeisterte und liebevolle Omi für ihre Enkel, die sie gerne im „Omihaus“ besuchen. Den Umgang mit ihnen hat sie ihm nie verwehrt. „Meine Söhne und Freunde stehen immer zu mir. Das stärkt unglaublich. Und in Magdalena und Susanne habe ich vom ersten Tag an ganz liebevolle Töchter dazugewonnen“, erzählt sie. Elisabeth Schönefeld ist nicht verbittert, bedauert aber, dass die Zeit der gemeinsamen Konzert- und Museumsbesuche mit ihrem Ex-Mann, die sie sehr genossen hat, vorüber ist. Vielleicht findet sie unter den Mitbewohnern in der Residenz hierfür wieder Begleitung, hofft sie.

Das Telefon klingelt. Morgen wird sie mit einer Mitbewohnerin einen Stadtbummel in Köln unternehmen. Nach zwei Stunden Gespräch zeigt Elisabeth Schönefeld keinerlei Anzeichen von Müdigkeit. „Das ist auch Ihre Ausstrahlung und die Art, wie Sie zuhören. Da stimmte von Anfang an alles“, lobt sie anerkennend, „ich hoffe, dass wir in Kontakt bleiben. Sie können mich jederzeit anrufen.“ Auf die Feier zu ihrem 80. Geburtstag im engsten Freundes- und Familienkreis freut sie sich sehr.

Elisabeth Schönefeld liest gerade die Biografie Guido Westerwelles, der vor wenigen Monaten im Alter von 54 Jahren an den Folgen einer Leukämieerkrankung verstorben ist. Gelebtes Leben, das sie berührt. Der kostbare Wert der Zeit ist ihr bewusst. Wenn sie zurückblickt auf bald 80 Jahre und sich fragt, was ihr immer wieder Kraft gab, sieht sie ihre Eltern als großes Vorbild dafür, wie man im Leben durch schwierige Umbruchsphasen kommt, in denen man scheinbar vor dem Nichts steht. „Meine Mutter sagte mir: ,Elisabeth, du musst lernen, an deine innere Stimme zu glauben und Vieles mit dir selbst auszumachen.‘ Das hat mir geholfen. Und ich glaube, dass jeder Mensch einen Schutzengel hat, der ihm zur Seite steht. Du musst aber auch deinen Teil dazutun und immer nach vorne sehen.“

Elisabeth Schönefeld (Name geändert) III

Porträt zum 80. Geburtstag

love-393919_640…Die Ausbildung absolvierte sie auf den Vorschlag ihrer Großmutter hin in ihrer Nähe in Göttingen, weil es dort eine sehr gute Krankengymnastik- und eine der wenigen Atemschulen gab. Nur zu gerne folgte sie diesem Ruf. „Großmama spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle. Unter ihren 14 Enkelkindern nannte sie mich immer ihr Herzblättchen. Ich habe sie unendlich geliebt“, sagt sie und nimmt einen Schluck Tee. „Ich mache meine ganze Krankengymnastik immer in Verbindung mit der Atmung und bin fest davon überzeugt, dass das hilft“, erläutert sie und zeigt mir, wie man richtig in den Bauch atmet. „Genau wie die Atmung verlaufen die Bewegungen in einer Sinuskurve. Spannungsübungen mit der Atmung zu verbinden ist für viele Patienten ungewöhnlich, aber sehr wirkungsvoll. Wer das verinnerlicht, der hat auch etwas davon. Hatten Sie schon einmal Krankengymnastik?“, erkundigt sie sich voller Interesse. Ich kenne Probleme mit der Halswirbelsäule. „Da könnte ich auch dran!“, bietet sie spontan an, ganz in ihrem Element.

Die Ausbildung bestand aus Vorlesungen an der Universität, praktischen Übungen am Krankenbett, Sport und Bewegung. Gerne erinnert sie sich an diese schöne Zeit und die vielen abendlichen Besuche bei ihrer Großmama. Von ihr, die selbst als Frau eines Professors für Gynäkologie das Alleinsein kannte, lernte sie, wie wichtig es ist, sich einen engen Kreis von Freunden und Freundinnen aufzubauen, gute, langjährige Freundschaften zu pflegen und auch über Entfernungen hinweg aufrechtzuerhalten. „Die Männer haben ihren Beruf, ihre Kollegen, ihre Corpsbrüder und Freunde.“ Und ihr verdankt sie die Begegnung mit ihrem späteren Mann, Walter Schönefeld. „Unsere Großmütter waren schon in Dortmund Kränzchenfreundinnen, und Walter meldete sich bei Großmama zum Besuch an, als er in Göttingen war. Großmama erzählte ihm, dass ich gerade mit der Krankengymnastikausbildung angefangen hätte und sie jeden Donnerstag besuchen käme, und lud ihn zum Abendessen ein. Mir erzählte sie anschließend von ihm. Dass er Medizin studierte, gefiel mir natürlich.“

Elisabeth Schönefeld war 21 Jahre alt. „Ja, dann kam ich zu Großmama, und da saß er. Am 19.2.1958 lernte ich also meinen zukünftigen Mann kennen. Wir kamen schnell ins Gespräch, unterhielten uns gut und waren uns sofort sympathisch“, erinnert sie sich. Der Sessel, in dem sie ihn zum ersten Mal sah, nimmt einen besonderen Platz in ihrem Appartement ein. Ihr Vater hat ihn aus dem Nachlass der Küsters für sie und ihren Mann gerettet und schön aufarbeiten lassen. Sie hält ihn in Ehren. „Großmutter bat Walter dann mich nach Hause zu bringen.“ Er studierte in Tübingen Medizin und dachte daran, nach Göttingen zu wechseln. „Vier Wochen später traf Großmama ihn auf dem Blumenmarkt und lud ihn zum Mittagessen am Sonntag ein. Mich natürlich ebenfalls.“ Das Göttinger Theater bot damals unter Heinz Hilpert Lesungen für Studenten zum ermäßigten Preis an, und diese kulturellen Veranstaltungen besuchten beide gerne gemeinsam. „Großmutter schenkte uns daraufhin völlig arglos Karten fürs Theater: Die Heiratsvermittlerin von Thornton Wilder!“, lacht sie. Sie unternahmen lange Wanderungen und fuhren mit dem Motorroller durch den Harz. Sie waren sich einig und genossen ihr Glück.

1959 beendete Elisabeth Schönefeld ihre Ausbildung, und beide planten nach Bonn zu ziehen. Sie wollte sich eine Stelle im Krankenhaus suchen, er die Universität wechseln. Aber beide Väter sprachen ein Machtwort. Es kam nicht in Frage, in derselben Stadt zu wohnen, solange Walter Schönefeld noch studierte und sich auf sein Examen vorzubereiten hatte. Sie fügten sich und suchten Wege, sich weiterhin treffen zu können. Nur wenige Kilometer von Bonn entfernt fand Elisabeth Schönefeld eine Stelle im Krankenhaus in Troisdorf. Nach der Arbeit musste sie nur mit dem Zug über den Rhein fahren, um ihren Freund zu sehen. „Dass wir uns so oft verabreden konnten, haben wir natürlich den Eltern nicht erzählt“, verrät sie schelmisch. „Das blieb unser Geheimnis.“

Gesprächsstoff hatten sie mehr als genug: Sie erzählte ihm von ihren Erfahrungen im Krankenhaus, er gab ihr Einblick in medizinische Fachthemen, ließ sie die Ärztlichen Mitteilungen und seine Physikumsarbeit lesen. Nach dem Staatsexamen erwarteten beide Väter des jungen Paars, dass er noch vor der Hochzeit promovieren sollte. Wieder hieß es sich in Geduld fassen. „In den letzten Semestern hat er gleichzeitig seine Promotionsarbeit geschrieben, und dann durften wir heiraten. Wir hatten liebevolle, aber strenge Eltern. Mein Mann bat meinen Vater förmlich um meine Hand, wie sich das damals gehörte. Wir hatten meine Eltern oft besucht, und mein Mann verstand sich sehr gut mit meinem Vater. Sie spazierten durch die Monsheimer Pfirsichplantagen und sprachen abends beim Pfälzer Wein über Landwirtschaft, Corpsbruderschaften und Gott und die Welt. Wir waren glücklich.“

In Iserlohn fanden sie ein Krankenhaus, das eine Krankengymnastin und einen Medizinalassistenten zur Anstellung suchte, und Elisabeth Schönefeld ließ sich schließlich von ihrem Schwiegervater überzeugen, dass Iserlohn eine schöne Stadt und das Sauerland nicht das Ende der Welt ist. Sie feierten Verlobung und heirateten im großen Kreis von Verwandten und Freunden bei Eiseskälte im Februar, denn am 1. März sollten sie in Iserlohn ihre Stellen antreten. „Der Bürgermeister bemühte sich bei der standesamtlichen Trauung, Hochdeutsch statt pfälzischer Mundart zu sprechen. Anschließend machten wir noch eine Woche Skiferien im Schwarzwald“, erinnert sie sich lächelnd. „Da sind wir tatsächlich eingeschneit. Einen Tag kamen wir zu spät“, amüsiert sie sich. Für ein Jahr bezog das junge Ehepaar eine möblierte Mansardenwohnung in Iserlohn und bekam oft Besuch von Elisabeth Schönefelds Schwester aus Bonn, die dort eine Stelle als MTA gefunden hatte. Im Haus wohnten die Vermieter und eine junge Familie. Der Bruder der jungen Frau kam ebenfalls häufig aus Bonn zu Besuch. „Wir schlugen ihm vor, mit meiner Schwester eine Fahrgemeinschaft zu bilden. Und so haben wir schließlich eine Ehe gestiftet“, freut sie sich. Die jungen Paare schlossen Freundschaft, unternahmen gemeinsame Wanderungen durchs Sauerland, und noch heute besucht Elisabeth Schönefeld ihre Freundin aus damaliger Zeit, die inzwischen in einem Seniorenheim in Iserlohn lebt…

Elisabeth Schönefeld (Name geändert) II

Porträt zum 80. Geburtstag

love-393919_640…Schon als Jugendliche war Elisabeth Schönefeld sehr sportlich. Sie mochte Leichtathletik, war begabt im Laufen, Werfen, Springen und wurde von ihrer Sportlehrerin ermutigt. Im Garten der Großeltern gab es Tennisplätze. Zwischen zwei Birken im Park hatte ihr Vater eine Schaukel, ein Reck und Ringe befestigt, an denen sie ausdauernd turnte und kopfüber die dicken blonden Zöpfe ins Gras hängen ließ. 1942 wurde sie in der Volksschule in Bründel eingeschult. Eine Zuckertüte gab es nicht. Das kannte man im Osten nicht. Sie ging sehr gern zur Schule, machte anfangs ihre Schulaufgaben mit Kreide, Schwämmchen und Lappen auf einer Schiefertafel, später mit Federhalter und Tinte im Heft. 1944 wurde ihr jüngerer Bruder geboren, er blieb ein Sorgenkind der Familie. Während die Welt vom Zweiten Weltkrieg erschüttert wurde, erlebte Elisabeth Schönefeld im Kreis ihrer Familie eine glückliche Kindheit in schöner Landschaft und kultivierter Umgebung. „Nur als die Schulwege durchs Dorf im Krieg zu gefährlich wurden, hatten wir Hausunterricht von einem Vetter und einer Cousine – Kinder von Vaters ältester Schwester, die in Berlin ausgebombt waren.“

Die ländliche Idylle endete 1945 mit der Besetzung des östlichen Harzes durch sowjetische Truppen und die Zuerkennung von Teilen des damaligen Deutschen Reiches durch die Alliierten an Polen. Großgrundbesitzer wurden enteignet, und ihr Vater erhielt von seinem Rechtsanwalt in Halle den dringenden Rat, das Gut sofort zu verlassen und die Familie in absehbarer Zeit an einen vereinbarten Treffpunkt nachzuholen. Man munkelte von Theresienstadt und Lagern für Zwangsarbeiter. Darüber wurde mit den Kindern nicht gesprochen. „Auf dem Land bekamen wir vom Krieg nicht viel mit. Gehungert haben wir nie, denn Vorräte gab es genug. Wir konnten sogar noch die Schwester meines Vaters mit ihren zwei Kindern aufnehmen, als ihr Mann fiel.“ Elisabeth Schönefeld springt auf, schneidet den Käsekuchen in kleine Stücke und schenkt Tee nach. „Wir essen das alles auf, aber so sieht es etwas vornehmer aus“, erklärt sie lachend.

Mit neun Jahren musste sie mit ihrer Familie auf die Flucht gehen, um das Land den Polen zu überlassen. Im Oktober war ihr Vater bereits mit dem Fahrrad Richtung Göttingen zu seiner Mutter geflohen, drei Tage vor Weihnachten wurde der Rest der Familie ausgewiesen. „Wir treffen uns bei Großmama. So war es verabredet“, erinnert sie sich. „Meine Schwester hatte damals eine Mittelohrentzündung und weinte vor Schmerzen. So erhielt meine Mutter die Berechtigung, mit einem ärztlichen Attest ihres Vetters in der Tasche und uns Kindern an der Hand zur Behandlung in eine Göttinger Klinik zu reisen.“ Das Kindermädchen, Anna, begleitete sie bis zum Bahnhof in Halle. Dann trennten sich ihre Wege. Die Verbindung blieb dankbar und freundschaftlich. Anna bot an, den jüngsten Bruder vorübergehend zu sich und ihrer Tochter in Pflege zu nehmen, bis die Verhältnisse sich etwas konsolidiert hatten. Zwei Jahre lang kümmerte sie sich um den Kleinsten ̶ ein treuer Dienst, den die Eltern ihr ihr Leben lang hoch anrechneten. Die Flucht glückte. Den Tornister mit der Aufschrift Elisabeth Küster will nach Walkenried vorm Bauch, wurde sie mit anderen Kindern durchs Fenster in eines der überfüllten Zugabteile gehoben. In Walkenried wollten sie zunächst Station bei Verwandten ihrer Mutter machen. Mit dem letzten Interzonenzug von Halle nach Braunschweig erreichten sie den Westen. Endstation Braunschweig: Der Bahnhof eine Ruine, es war bitterkalt und schneite hinein. „Ich weiß noch, dass wir Kinder stundenlang alleine warteten, während meine Mutter auf dem Bahnhof umherlief und in der Hoffnung, etwas über den Verbleib der Familie zu erfahren, Fremde ansprach. Wir Mädchen weinten, mein Bruder versuchte uns zu beruhigen. Wie meine Mutter es schaffte, Kontakt mit ihrem Vetter, der vom Nachbargut Ilberstetz nach Wolfenbüttel geflohen war, wiederaufzunehmen oder meinen Vater Paul zu finden, weiß ich nicht. Ich vermute, dass sie Verbindungsleute aus Wolfenbüttel auf dem Bahnhof ausfindig gemacht hat.“ Elisabeth Schönefeld klingen immer noch die Sätze aus den Erzählungen ihrer Mutter im Ohr: „Hier ist Rosie, wo ist Paul?“ Stille. Dann: „Paul steht neben mir.“ Sie weiß, dass ihr Vater gerade zu der Zeit in Wolfenbüttel war. Fragmente, Spuren, Unerklärliches aus dem Dunkel der Kriegswirren. Das Wichtigste: Die Familie fand sich wieder. Man hatte überlebt und war wieder zusammen. Mit äußerst knappen und bescheidenen Mitteln begannen Elisabeth Schönefelds Eltern wieder ein recht normales Familienleben aufzubauen.

1948 erhielt ihr Vater, der die Saatenanerkennung in Niedersachsen machte, ein Saatzuchtgut in Monsheim bei Worms angeboten. „Dort zogen wir in ein für uns Kinder wunderschönes Gutshaus ein. Für meinen Vater war es eine große Umstellung, als Angestellter zu arbeiten und mit nichts in der Hand dazustehen. Meine Mutter, die es gewohnt war, der Köchin die Speisepläne vorzugeben, kochte selbst. Nach dem Abitur hatte sie ein Jahr lang die Maidenschule besucht, wollte eigentlich Musik studieren.“ Die Kinder brachten gute Noten nach Hause und erreichten so eine Freistellung vom Schulgeld. Die Verhältnisse zwangen zur Bescheidenheit und hielten lange Zeit Wünsche und Ansprüche im Zaum. Nach dem Abitur hätte Elisabeth Schönefeld gerne Medizin studiert, aber es war ihr bewusst, dass ihre Eltern nicht allen Kindern ein Studium ermöglichen konnten. So verzichtete sie und wechselte zur Krankengymnastik, zu einem damals noch ganz unbekannten Fachgebiet. Im Nachhinein war es für sie die richtige Wahl. Elisabeth Schönefeld liebt ihren Beruf, hat sogar nach Eintritt des Rentenalters ehrenamtlich weitergearbeitet und gerät ins Schwärmen, wenn sie darüber spricht. Man könnte sie wohl nachts wecken, und ihr würden noch die passenden krankengymnastischen Übungen einfallen. „Der Beruf ist einfach schön. Ich war beseelt von dem Gedanken, anderen Menschen helfen zu können. Der Kontakt mit den Menschen gefällt mir.“…

Elisabeth Schönefeld (Name geändert) I

Porträt zum 80. Geburtstag

love-393919_640Es ist einer der seltenen sonnigen Tage in einem verregneten Frühsommer. Passanten schlendern durch die Fußgängerzone, genießen ein Eis, bleiben zu einem Plausch mit Bekannten stehen, lassen sich in einem der Cafés in der Sonne nieder oder bummeln durch die Geschäfte  ̶  eine Atmosphäre von Urlaub und beschaulicher Gangart. Ich kaufe ein kleines Mitbringsel im Blumenladen und eile zurück zur Seniorenresidenz, die ganz zentral in der Nähe der Einkaufsstraße liegt. Mitten im Leben. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, findet im Haus alles für den täglichen Bedarf: Friseur, Fußpflege, Apotheke, Arztpraxen, eine Bank und ein Restaurant. Ich melde mich am Empfang und fahre mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock. „Herzlich willkommen! Ich freue mich ja so. Ein interessanter Beruf! Das ist ja schon ganz lange geplant.“ Mit strahlendem Lächeln bittet Elisabeth Schönefeld mich in ihr Appartement und würdigt mein kleines Röschen. „Das ist aber lieb von Ihnen. Die halten lange, wenn man sie zurückschneidet und von unten gießt. Das habe ich von meinem Vater gelernt“, erfahre ich sogleich. Sie ist klein und zierlich, trägt flache Schuhe zum hellen Jeansanzug, der geringelte bunte Schal greift das frische Grün ihres T-Shirts auf. Ein blonder Kurzhaarschnitt, dezenter Schmuck und ein zarter Lippenstift unterstreichen ihre sportliche Eleganz. Noch im Flur stehend, beginnt sie sofort lebhaft zu erzählen.

„Die Residenz habe ich durch meine Eltern kennen gelernt, die hier vor 30 Jahren gelebt haben. Seitdem ist alles renoviert und schöner und heller gestaltet worden“, berichtet sie. „Ich bin jetzt ein und ein Viertel Jahr hier und fühle mich sehr wohl, weil der Geist des Hauses einfach stimmt. Jeden Morgen kommt ein Ruf durch die Sprechanlage, um nachzufragen, ob man Hilfe braucht. Der Notfallkoffer steht gepackt bereit, ich fühle mich gut betreut.“ Mit hellen und kleinen Möbeln hat sie ihr Appartement geschmackvoll eingerichtet: eine Bücherwand, vier japanische Bilder, ein Sekretär zum Briefeschreiben, ein besonderer Lieblingssessel schaffen eine kultivierte Atmosphäre, ohne dem großzügig wirkenden Raum an Leichtigkeit zu nehmen. Nebenan ein großes Fernsehzimmer mit bequemem Sessel, Schrank und Bett. Der Wohnzimmertisch ist liebevoll dekoriert, Elisabeth Schönefeld brüht frischen Tee auf. „Wenn Sie noch mal kommen, können wir einen Spaziergang durch den Schlossgarten machen“, schlägt sie vor und schließt die Balkontür. Die Straße führt direkt am Haus vorbei.

Sie ist gerne in Bewegung, den Fahrstuhl nutzt sie nur selten. Als Krankengymnastin weiß sie, dass das Treppensteigen die Muskelkraft erhält. „In unserem Alter staucht man beim Abwärtsgehen die Wirbelsäule, aber das Aufwärtsgehen ist so wichtig. Ich nehme jeden Tag 74 Stufen bis zur dritten Etage, den Fahrstuhl nutze ich nur zum Runterfahren oder um Einkäufe zu transportieren.“ Beim Einzug litt sie unter einer Entzündung im Knie, die sie durch völlige Ruhigstellung auskurierte. Ihre Geduld zahlte sich aus: Statt sich nach dem Essen hinzulegen  ̶  für viele in ihrem Alter der schönste Teil des Tages  ̶ , unternimmt sie lieber jeden Tag einen ausgedehnten Spaziergang in flottem Tempo, bei dem ihre Mitbewohner, die bereits auf Gehhilfen angewiesen sind, nicht mehr Schritt halten können. Als sie in die Residenz zog, kannte sie niemanden im Haus, inzwischen hat sie sich einen kleinen Kreis von guten Bekannten zum Scrabble- und Kartenspielen oder Kaffeetrinken aufgebaut. Zusätzlich begleitet sie gelegentlich Bewohner, die schlecht sehen können, zu Terminen. Elisabeth Schönefeld engagiert sich gerne. „Kranke oder gebrechliche Menschen waren immer mein beruflicher Lebensinhalt. Ich sehe die Bewohner im Rollstuhl und weiß, das kommt alles irgendwann auf mich zu. Deshalb bin ich dankbar, dass ich noch laufen kann und in diesem schönen Ambiente wohne“, sagt sie und erkundigt sich nach meiner Mutter.

Elisabeth Schönefeld serviert Kuchen, springt immer wieder auf, um Tee nachzuschenken, eine aufmerksame Gastgeberin, die das Wohl ihres Gegenübers im Blick behält.

Geboren wurde sie 1936 im Harz, zwischen Magdeburg und Halle, wo ihr Vater als Landwirt und Saatzüchter ein großes Gut bewirtschaftete. „Meine Eltern bekamen zur Hochzeit von ihren Eltern ein Rittergut geschenkt mit der Auflage, das großelterliche Gut in Bründel Plötzkau zu übernehmen, wenn mein Großvater es aus Altersgründen nicht mehr bewirtschaften könnte. Zu dem Gut gehörten eine Zuckerfabrik, eine Brennerei, eine Schmiede zum Beschlagen der Pferde und Käfige, in denen Frettchen für die Jagd gehalten wurden. Mein Großvater, Jurist und ebenfalls Landwirt, starb 1941 unerwartet an einem Herzinfarkt. So mussten wir plötzlich auf das Gut des Großvaters umziehen, und mein Vater wurde Domänenpächter auf einem sehr großen Gebiet in Bründel Plötzkau. Da war ich fünf Jahre alt“, erzählt sie. Elisabeth Schönefeld erlebte ihre Kindheit auf dem Land als behütet und geborgen. Anna, das Kindermädchen, umsorgte sie und ihre Geschwister rund um die Uhr, aß mit ihnen, badete sie nach dem Abendessen, hüllte sie in ihre weißen Bademäntel und brachte sie ins Bett. Für die Kinder gab es einen Extratrakt im Haus: ein Spielzimmer, ein Schlafzimmer für die Schwestern und ihm gegenüber ein Schlafzimmer für den Bruder. Der Kontakt zu den Eltern, die sich um das Gut kümmerten und auch manchmal für ein paar Tage wegfuhren, um Freunde zu besuchen, war distanzierter als heute üblich. Die Kinder waren gut aufgehoben. Personal zu haben galt als selbstverständlich: eine Köchin, eine kalte Mamsell für das Abendessen, eine Weißnäherin für die Kleidung. „Das klingt großspurig, aber im Osten war das damals so“, ergänzt sie bescheiden. Ihre Eltern waren angesehene Respektspersonen und Vorbilder für soziales Engagement. „Vater sorgte dafür, dass die Arbeiter in ihren Häusern gut untergebracht waren. Wenn Vater oder Großvater durch die Felder ritt, blieben die Bürger am Wegrand stehen und zogen den Hut.“

Während ihr Bruder in die Bäume kletterte, gelegentlich auf dem Traktor mitfahren durfte, seine Hasen fütterte und ihre Ställe putzte, spielten die Mädchen im Spielzimmer mit ihren Puppen oder fütterten ihre beiden Schildkröten, die in einer Grotte im Park Auslauf hatten, mit Salatblättern. Väterlicherseits gab es einige Ärzte in der Familie, und da Elisabeth Schönefeld früh von allem Medizinischen fasziniert war und selbst als junges Mädchen lange an einer Herzmuskelentzündung und an Nierenbeckenentzündungen litt, waren ihre Puppenkinder immer „krank“, trugen ein Taschentuch um den Hals oder einen Verband am Bein. „Das fand meine Schwester doof und langweilig“, erinnert sie sich. Ab und zu machte ihr Bruder sich einen Spaß daraus, mit seiner kleinen Eselskutsche hinter der Pferdekutsche der Eltern herzufahren und die kleinen Schwestern auf der Rückbank ordentlich durchzurütteln, wenn der Vater den Weg freigab und er mit dem Esel waghalsige Wendemanöver probierte. …

Beste Freunde und Südafrika: Max Gansow und Marco Heimann (FatSak®, Grevenbroich)

africa-17344_640Einer dieser diesigen Tage nach Mitte November, an denen Himmel und Luft in Grautönen ineinander übergehen. Ich versinke in meinem roten Sitzsack und spüre, wie sich Sitzkuhle und Rückenlehne wie von selbst weich und gleichmäßig formen und der samtige Cordstoff mich langsam mit angenehmer Wärme umhüllt. Gut, dass ich nicht den noch größeren Sitzsack mit Flokatibezug ausgewählt habe, denke ich. Den Schlafanzug und dicke Socken anzuziehen und mich mit meinem Lieblingsbuch vorläufig von der Welt abzumelden – dazu lädt diese Cocooning-Landschaft geradezu ein. Aber ich bin hier nicht zu Hause, sondern im Büro der Firma FatSak®, mitten im Industriegebiet von Grevenbroich. Genauer: im Sitzsackkreis des Büros.

Max Gansows lange Jungen-Beine ragen aus dem blauen Sitzsack mit Kopfrolle neben mir heraus. Ich fühle mich kurz in meine Schulzeit zurückversetzt: Im Zimmer meines besten Freundes wartete ich auf die ersten Töne seiner neusten Schallplatte, während ich im tropfenförmigen Sitzsack vergeblich eine einigermaßen dekorative Position einzunehmen versuchte. In dem mit kleinen Styroporkügelchen gefüllten Knautsch-Möbel, das irgendwann durch Abnutzung auch noch auslief und seinen Inhalt ins Zimmer verlor, war das ein ständiger Kampf, bis man schließlich wieder hochkam.

„Kaffee?“ Marco Heimann reißt mich aus meinen Gedanken, reicht mir einen dampfenden Becher und versinkt mir gegenüber im grünen Velourssitzsack. Beide in Jeans und Pullover, beide so jung, dass sie meine Söhne sein könnten, offen, zugewandt, sympathisch, Max Gansow eher der Wortführer, Marco Heimann der Zurückhaltendere. Ich genieße den Kaffee und möchte so schnell gar nicht mehr aufstehen. Der große Flokati- und der Kindersitzsack bleiben frei. Herr Gröpel, der Mitarbeiter, telefoniert leise an einem der drei Schreibtische, während Max Gansow das Wort ergreift.

„Wir freuen uns, im Buch dabei zu sein. Die Startup-Kultur hat sich in den letzten vier Jahren, seitdem wir mit FatSak® angefangen haben, stark entwickelt und wird so langsam auch in der öffentlichen Wahrnehmung ernst genommen“, beginnt er und Marco Heimann ergänzt zustimmend: „In den USA sieht man zu einem Unternehmer auf, in Deutschland wird man eher skeptisch angesehen, wenn man sich selbstständig macht.“

Beide kennen sich seit der 5. Klasse, nachdem Max Gansow mit seinen Eltern aus den USA in das kleine Dorf Neukirchen bei Grevenbroich zurückgekehrt war. Seitdem sind sie beste Freunde, vertrauen sich blind. Nach dem Abitur studierte Max Gansow in Maastricht Internationale Betriebswirtschaftslehre auf Englisch. „Mein Studium war speziell auf eine anschließende Selbstständigkeit zugeschnitten. Das problem-based learning in kleinen Lerngruppen hat mich sehr gut auf das Geschäftsleben vorbereitet. In der Schulzeit habe ich mit Marco schon gemeinsam Oberstufenpartys veranstaltet und für 18-Jährige konnten wir damit ganz gut verdienen“, lacht er. „Damals entstand der Wunsch, selbstständig zu werden. Und Marco …“ Er nickt ihm aufmunternd zu.

„Ich hab nach dem Abitur erst mal einen anderen Weg eingeschlagen“, übernimmt er. „Ich fing eine Ausbildung als Industriekaufmann an und studierte anschließend in Aachen Wirtschaftsingenieurwesen. Mit 15 war die Selbstständigkeit schon unser Ziel und wir waren uns einig, nach unserem Studium dafür mit neuen Ideen wieder zusammenzukommen.“

Max Gansow und Marco Heimann blieben nicht nur beste Freunde, sondern behielten ihr Vorhaben im Blick, tauschten Geschäftsideen aus, schrieben Businesspläne und verwarfen sie wieder. Für eine App, die sie entwickeln wollten, fehlte ihnen letztlich das technische Know-how. „Auch wenn die Idee sehr gut war und große Firmen inzwischen an der Umsetzung ähnlicher Produkte arbeiten, war uns das als erste Geschäftsidee zu waghalsig. Uns war immer wichtig, das Risiko abzuschätzen, und wir wollten als unerfahrene Unternehmer nicht von anderen kopiert und überholt werden“, erklärt Max Gansow. Sein Auslandssemester hatte er in Kapstadt verbracht und war dort in einer Shopping-Mall auf die Produkte von FatSak® gestoßen, die er aus Deutschland nicht kannte. „Ich hab da so coole Sitzsäcke gesehen“, erzählte er damals nebenbei seinem Freund per Skype. Auf der Suche nach der richtigen Geschäftsidee besuchten sie mehrere Messen. „Als wir über die Möbelmesse gelaufen sind, ist uns aufgefallen, dass das simpelste Business der Welt der Handel ist: Man kauft etwas zum Preis A ein und verkauft es zum Preis B und von der Marge dazwischen sollte man gut leben können. Viele Jungunternehmer arbeiten an den kompliziertesten Geschäftsideen oder setzen ihr Business so auf, dass ihre Persönlichkeit und ihr Know-how im Vordergrund stehen. Das ist richtig anstrengend, sich dauernd selbst zu verkaufen“, gibt er offen zu. „Wir fanden es einfacher, Produkte zu verkaufen.“

Auf der Messe sahen sie, dass es in Europa bereits etwa 20 Hersteller für Sitzsäcke gibt, und erinnerten sich an Südafrika. „Die ursprüngliche Tropfen-Form aus den 60er-Jahren wurde inzwischen von einer rechteckigen Form mit Nylon-Hülle abgelöst, aber alle sind mit Styropor-Kügelchen gefüllt“, erläutert Marco Heimann geduldig. „Diese bequemen, weichen und mit Schaumstoff-Flocken gefüllten Sitzsäcke aus Südafrika gab es auf dem ganzen europäischen Markt bis dato noch nicht.“

„Und ganz wichtig ist auch die Memory-Funktion: Die Füllung behält das Volumen über 10 oder 15 Jahre“, ergänzt Max Gansow. „Sie ist noch mal von einem Sitz-Innensack ummantelt und dann kann man sich aus der Kollektion den hochwertigen Bezug individuell auswählen – Cord-Velours, Flokati. Die Bezüge sind ebenfalls sehr langlebig und in der Waschmaschine waschbar.“

„Sogar den Flokati-Bezug kann man tatsächlich in der Waschmaschine waschen, wenn sie groß genug ist.“ Marco Heimann lächelt. Die beiden sind auch noch gute Verkäufer, denke ich und würde am liebsten sofort bestellen. Ein LKW fährt vor und bringt neue Bezüge. Herr Gröpel nimmt die Lieferung an. Wir bleiben sitzen.

Nach dem Besuch der Möbelmesse recherchierten sie, dass in den USA die weichen Schaumstoff-Sitzsäcke dem Cocooning-Trend in der Möbelbranche entsprachen und bereits sehr erfolgreich auf dem Markt waren. Die Nachfrage nach Sitzmöbeln, die nicht nur schön aussahen, sondern auch komfortabel waren, stieg. Sie hatten einen Trend entdeckt, die Gewissheit, dass das Produkt in den USA bereits gut funktionierte und eine Marktlücke für Europa gefunden. Kurzerhand beschlossen sie, den südafrikanischen Hersteller zu fragen, ob sie seine Produkte auf dem europäischen Markt vertreiben dürften. 2010 gründeten sie eine GbR und riefen Ryan Buda über Skype in Südafrika an. „Da kommt es darauf an, sich bereits im Vorfeld intensiv Gedanken über die Vorstellungen des Unternehmers in Südafrika zu machen“, verrät Max Gansow. „Man muss das am Telefon so verkaufen, dass man eine Chance hat, wirklich mitzumachen. Durch meinen Aufenthalt im Land konnte ich Größe und Status des Unternehmens und die Erwartungen des Unternehmers sehr gut einschätzen.“ Noch ohne eigene Referenzen überzeugten sie allein durch die Präsentation ihres Könnens: Marketing. „Wir bringen unser Wissen in deine Firma mit ein, bauen dir einen neuen Online-Shop und du verkaufst deine Sitzsäcke auch auf dem deutschen Markt.“ Das war ihr Angebot. Und Ryan Buda überwand seine anfängliche Skepsis und willigte ein.

Max Gansow und Marco Heimann konnten nicht nur bei der Qualität der Produkte auf fünf Jahre Entwicklungs-Know-how aus Südafrika zurückgreifen, sondern setzten auf den Trend zu Exotik und Nachhaltigkeit. Ryan Buda wurde nicht nur Geschäftspartner, sondern auch Ratgeber und Freund. „Wir hatten sofort ein fertiges Produkt und konnten ihn jederzeit anrufen und fragen: Was hast du in der Situation gemacht?“ Sie bestellten die ersten Sitzsäcke und verkleinerten das angenähte Din-A4-große Firmenlogo auf ein marketingtaugliches Maß. Anfangs lagerten sie die Sitzsäcke in ihren Elternhäusern, bis sie das erste Büro und ein kleines Lager mieten konnten.

„Wir wurden auf ein Kindercasting aufmerksam und fragten einfach, ob wir dafür ein paar Sitzsäcke vorbeibringen könnten. Dort bot uns jemand an, auf der internationalen Kölner Messe Kind und Jugend einen Stand zum Relaxen für die Besucher auszustatten. So sind wir zu unserem ersten kostenfreien Messestand gekommen und ab da merkten wir, dass das Ganze Potenzial hat“, erzählt Marco Heimann begeistert. „Wir haben heute noch einen Ordner voller Kontakte von Dubai bis Kanada, die unsere Produkte super fanden. Das war der große Anstoß, um ins Volle zu gehen.“

Beide kümmerten sich nur noch um den Aufbau des Unternehmens. Wegen der langen Lieferzeiten aus Südafrika und der hohen Logistikkosten suchten sie gemeinsam mit Ryan Buda in Deutschland jemanden, der den Produktionsprozess der Schaumstoffbefüllung übernehmen kann. Die Stoffe kaufen sie selbst und lassen die Bezüge in einer Näherei in Deutschland nähen. „Die Styroporkugeln schneiden bei Tests regelmäßig schlecht ab. Unsere Schaumstoff-Materialien sind sogar für Babys geeignet. Wir haben das Zertifikat Textiles Vertrauen, das die Qualität untermauert.“ Marco Heimann lächelt stolz. Die Sitzsäcke werden vakuumverpackt in einer Art Schlafsackrolle versandt und entfalten ihr volles Volumen erst beim Kunden, der nur noch den Bezug seiner Wahl darüberziehen muss.

Inzwischen teilen sich die drei gleichberechtigten Geschäftsführer Max Gansow, Marco Heimann und Ryan Buda beide Firmen zu einem Drittel, wobei das Potenzial auf dem europäischen Markt wesentlich größer als in Südafrika ist. Max Gansow: „Dafür war die Schwelle hier wesentlich höher, wirklich in den Möbelmarkt reinzukommen. Wir mussten hier deutlich stärker investieren und denken, dass es ein sehr faires Abkommen ist. Dadurch, dass wir am Anfang erst mal gezeigt haben, was wir einbringen können, ohne gleich auf Verträgen zu bestehen, haben wir Ryans Vertrauen gewonnen. Ich war gerade zwei Wochen in Südafrika bei ihm, wir sind mit der Zeit enge Freunde geworden. Rein theoretisch könnten wir Ryan mit einer Mehrheitsentscheidung überstimmen, um hier für die Firma Dinge in die richtige Richtung bewegen zu können, aber wir verfolgen alle die gleichen Ziele.“

Wie alt sie damals waren, als sie in Südafrika den Marktführer für Sitzsäcke anriefen? „23“, antworten beide wie aus einem Mund und lachen. Das war vor vier Jahren. „Wir waren jung, hatten eine ordentliche Dosis Selbstbewusstsein und das zu Recht“, fährt Max Gansow fort. „Ich hatte sicherlich mehr Ahnung von Internet, E-Commerce, Online-Shops, Marketing als viele Marketingchefs bei deutschen Möbelmarken. E-Commerce war für uns der Türöffner.“

„In der Zeit hatten die ersten Online-Shops mit Produkten Erfolg“, übernimmt Marco Heimann. „Wir haben das einfach mal probiert. Am Anfang habe ich Max gefragt: Hast du hier wieder eine Testbestellung aus Buxtehude abgegeben? Aber das war ein echter Kunde! Inzwischen verkaufen sich die Sitzsäcke natürlich auch über Empfehlung.“

„Wir haben am Anfang zwei, drei Musterprodukte hierher schicken lassen und Fotos gemacht. Marco musste sich die Programmierung des Shops selbst beibringen und nach zwei Monaten konnten wir online gehen. Dann kamen bald die ersten Bestellungen. Wir riefen in Südafrika an und baten darum, eine Palette zu schicken“, erklärt Max Gansow.

„Ja, wir sind persönlich nach Rotterdam zum Hafen gefahren und haben die Palette abgeholt“, wirft Marco Heimann ein.

„Genau, beim nächsten Mal war der kleine Container schon fast voll und wurde morgens um sechs Uhr bei meinen Eltern vor der Garage angeliefert. Wirklich hier?, fragte der LKW-Fahrer ungläubig. Jeder freie Platz – die Schlafzimmer, die Doppelgarage – alles war voll mit Sitzsäcken.“

Nach den ersten 12 Monaten, in denen sie ausschließlich über den Online-Shop verkauften, begann ihre schwierigste Phase als Unternehmer. Marco Heimann erläutert: „In Tausenden von Kaltakquise-Telefonaten boten wir Möbelhäusern unsere Produkte an, aber beim Thema Sitzsack legten sie sofort wieder auf. In der Branche ist es ohne Netzwerk schwer, Fuß zu fassen.“

„Unsere Stärke ist unser Durchhaltevermögen. Es hilft, dass wir zu zweit sind. Wenn einer von uns mal den Kopf hängen lässt, kann der andere ihn motivieren. Auf dem Weg zur Kind und Jugend Messe haben wir uns gesagt: Wenn jetzt keine starke Resonanz kommt, lassen wir es. Und die Resonanz war überwältigend. Marco hat sein Studium aufgegeben und wir haben uns ein Büro mit Lager gemietet und beide Vollzeit an unseren Ideen gearbeitet. Die größte Schwelle war der Möbelhandel. Dafür brauchten wir die Leute mit 30 Jahren Möbelerfahrung und persönlichen Kontakten“, resümmiert Max Gansow. Bereits auf der ersten Messe in Köln hatten sie einen Handelsvertreter kennen gelernt, der von ihren Sitzsäcken begeistert war. Eineinhalb Jahr später boten sie ihm ihre Produkte für seine Agentur an. Seitdem besucht er für sie die Einkäufer der Möbelhäuser, um die Sitzsäcke vor Ort zu präsentieren. Innerhalb weniger Monate zeigten 30 Möbelhäuser in ganz Deutschland Interesse, heute sind sie bereits in 120 Möbelhäusern vertreten. „Mittlerweise kennt man uns in der Branche, wir sind im Handel präsent und die Leute kommen auf uns zu. Das Blatt hat sich gewendet“, freut sich Marco Heimann mit schelmischem Blick.

Ihre Vorgehensweise im Marketing – intuitiv, kostengünstig, persönlich. 2013 besuchten sie 13 Messen, ein Sitzsack-Wanderzirkus on Tour. „Wir haben mehrmals umsonst Flächen auf Messen gestellt bekommen und erhielten dort im Kontakt zu Kunden direktes Feedback. Da nimmt man viele Ideen mit.“

„Das war wahnsinnig anstrengend, aber es ist sehr viel Schwung reingekommen. So haben wir die Schwelle geschafft, in den Markt wirklich reinzukommen. Ein Jahr voll durchzupowern hat sich ausgezahlt“, berichten sie.

2014 holten sie Mitarbeiter zur Entlastung und Abwicklung der Aufträge dazu, erstellten Systeme und Businesspläne und dachten darüber nach, in welche Richtung sie die Marke in den nächsten fünf oder zehn Jahren entwickeln wollen. Sie arbeiten mehr am als im Unternehmen. Seit 12 Monaten weiten sie den Möbelhandel in die Benelux-Länder aus, Frankreich und weitere Länder stehen 2015 im Fokus. Fortlaufend arbeiten sie an der Qualität der Produkte, um sich vor Nachahmern und Kopien zu schützen.

„Einen Kredit von der Bank bekommt man als junger Unternehmer mit unserem Produkt nicht ohne Weiteres. Da deckt sich die Realität nicht mit der Werbung, die Banken für sich machen“, bemängelt Marco Heimann. Inzwischen lernten sie mithilfe eines Beraters, wie man bankengerecht kommuniziert und mit gemäßigten Wachstumszielen Vertrauen schafft. „Wir scheuen uns nicht, auf die Erfahrung anderer zurückzugreifen und sie bei Bedarf zu konsultieren.“ Große Visionen haben sie trotzdem. Max Gansow ergänzt: „Was wir rückblickend richtig gemacht haben: Wir haben einfach angefangen, ein paar Sitzsäcke vom Gehalt unserer Nebenjobs bestellt und losgelegt. Die wollten wir natürlich über unsern Online-Shop auch wieder verkaufen. Die meisten Leute scheitern daran, dass sie ewig zögern und nur ihre Idee perfektionieren. Wir hatten immer im Kopf, dass ein Unternehmen unbedingt einen Kredit braucht. Bis heute haben wir das auch ohne Kredit geschafft. Die Konditionen sind für uns heute als weiterentwickeltes Unternehmen nicht mehr so interessant. Wir pitchen jetzt lieber bei privaten Investoren, die in interessante und innovative Geschäftsideen investieren wollen, um unsere Liquidität zu sichern.“ Dass es sehr schwer ist für Unternehmer mit neuartigen Geschäftsideen, darüber sind sie sich im Klaren. Banken finanzieren lieber Geschäftsmodelle, die bereits bewiesen sind. „Vielen Unternehmen entgeht so von Anfang an die Chance auf einen fairen Start“, meint Max Gansow.

„Wir haben einfach nach dem Prinzip Trial and Error angefangen und sicher viele Fehler gemacht. Inzwischen haben wir gelernt nur noch mit Menschen zu arbeiten, bei denen wir das perfekte Bauchgefühl haben“, gibt Marco Heimann offen zu. „Fällt dir dazu noch etwas ein?“, übergibt er das Wort an seinen Freund.

„Wir haben eigentlich jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Alles, was wir heute können, ist darauf zurückzuführen, dass wir den Fehler gemacht haben. Learning by doing. Am meisten mussten wir daran arbeiten, mit unserem großen Optimismus und unserer Gutgläubigkeit nicht auf die falschen Leute hereinzufallen, die das in sie gesetzte Vertrauen missbrauchen, einen absichtlich hintergehen und nur schamlos ausnutzen. Das passt nicht in mein Menschenbild. Leider ist das nicht nur einmal passiert. Wir achten jetzt mehr darauf, uns mit Verträgen abzusichern und nicht auf Freundschaft allein zu bauen.“

Durchhaltevermögen steht für sie auf Platz Eins der Eigenschaften eines guten Unternehmers. Darin haben sich beide immer gegenseitig neu unterstützt, motiviert und aufgebaut. Die zweitwichtigste Eigenschaft: Selbstbewusstsein, gepaart mit Herzblut für die eigene Geschäftsidee. „Man muss es wirklich lieben und es muss Spaß machen. Und manchmal muss man auch raus und sich mal einen Tag zum Ausruhen gönnen. Wir haben immer die Marke in den Vordergrund gestellt und uns zurückgenommen. Als Unternehmer denken wir komplett anders als ein Selbstständiger. Unser Ziel ist es, Prozesse zu erstellen, die sich verselbstständigen und selbstständig Sitzsäcke verkaufen. Während wir hier sitzen, machen wir irgendwo Umsatz, den Herr Gröpel oder unsere Aushilfskraft bearbeitet. Genauso wie unser Partner in Südafrika haben wir mit dem täglichen Geschäft gar nichts zu tun.“

„Wir verfolgen den Ansatz, mit möglichst wenig Personal das Maximum zu erreichen“, sagt Marco Heimann. „Im nächsten Jahr werden wir wieder mehr Personal anbauen, um ins Ausland zu expandieren, damit wir uns als Unternehmer stärker zurücknehmen können. Wir behalten die Prozesse im Unternehmen im Auge, suchen Lösungen zur effektiven Gestaltung von Standards und optimieren so permanent die Abläufe. Die ersten Rechnungen und Paketscheine haben wir noch zu Hause in der Garage per Hand geschrieben. Da sind wir in den letzten Jahren deutlich effektiver geworden“, lacht er.

„Als Unternehmer muss man einen Schritt zurücktreten können, um die Marke oder das Unternehmen von außen zu betrachten. Wir schreiben immer noch für uns intern Roadmaps, um Entwicklungsziele zu definieren und sie peu à peu abhaken zu können. Realistische und motivierende Ziele setzen und erreichen, das ist das A und O“, erklärt Max Gansow. Die Firma profitabel machen, den Umsatz erhöhen und die Marke im Möbelmarkt durchsetzen – das haben sie sich für 2014 vorgenommen und auch erreicht. „Langfristig haben wir zu dritt die Vision, mit FatSak® der größte Sitzsackhersteller der Welt zu werden. Lass es 20 Jahre dauern – der Vorteil ist, dass wir jung angefangen haben.“

„Wir haben nie aufgehört daran zu glauben. Gut, dass wir zu zweit sind, so behalten wir immer den Kopf oben“, schließt Marco Heimann.

Der Preis des Erfolgs? „Der liegt im sozialen Umfeld. Man macht 12 Stunden am Tag etwas, was keiner versteht. Erklären Sie das mal ihren Eltern und Freunden, warum Sie keinen sicheren Job annehmen und Unternehmen und Leben sich permanent durchdringen. Trotz jeglicher Skepsis hat meine Mutter uns immer unterstützt und den Rücken freigehalten. Sie hätte uns aufgefangen, wenn es finanziell komplett schiefgelaufen wäre. Das hat uns sehr ermutigt, sogar nach einer Insolvenz immer wieder aufzustehen.“ Max Gansow hält die Situation der Unternehmer in Deutschland für wesentlich schwieriger als in den USA: „In Amerika sind Unternehmer die Top-Stars. Wenn man das Geld der Investoren verliert, zahlt man es nicht zurück und kommt schneller wieder auf die Füße. Hier in Deutschland fällt man hart.“

„In den USA würde man sagen: Super-Idee, Kopf hoch, beim nächsten Mal klappt es. In Deutschland kommt noch die besserwisserische Schadenfreude über das große Scheitern dazu: Das hab ich doch gleich gesagt, dass daraus nichts wird“, ergänzt Marco Heimann kritisch. „Aber das Leben ist ja mit einer Insolvenz nicht zu Ende. Das heißt nicht, dass man alles falsch gemacht hat. Genau davor, sozial gebrandmarkt zu werden, herrscht aber hier in Deutschland Angst.“

„Es ist wichtig, direkt auf Augenhöhe zu agieren, um Geschäfte zu machen. Wir haben uns damals immer die Angst vor der etablierten Erbengeneration im Business genommen und gewitzelt, dass wir zusammen auch über 50 sind. Die meisten haben unsere Geschäftsidee nicht richtig verstanden und uns davon abgeraten.“

Max Gansow würde heute Gründer dazu ermutigen, einfach anzufangen, vorsichtig zu investieren und es zu versuchen: „Es wird sich herausstellen, ob die Geschäftsidee gut ist. Vielleicht findest du auch, während du daran arbeitest, eine andere Idee. Nur die wenigen Glücklichen können aus ihrer ersten Geschäftsidee heraus ein Unternehmen gründen, an dem sie mehr als zehn Jahre arbeiten. Ich hoffe, wir werden dazugehören. Ein bisschen Glück braucht man allerdings immer. Und Glück hat man nur, wenn man sich etwas traut.“

Das Telefon klingelt. Wir gehen nach nebenan ins Lager. Auf 200 Quadratmetern stapeln sich vakuumverpackte Sitzsackrollen und vorbereitete Pakete mit Bezügen, die von hier aus mit DHL preiswert durch ganz Europa verschickt werden. Die Rücklaufquote der Bestellungen ist mit einem Prozent extrem niedrig. Ein Grill für gemeinsame Sommerabende steht neben der Tür. „Der Grill ist von einer Messe. Wir lieben Gegengeschäfte. Von RTL lassen wir z.B. im Frühstücksfernsehen einen Sitzsack verlosen und sind dafür im Fernsehen präsent“, erzählt Marco Heimann, während Max Gansow die gelieferten Bezüge prüft. „Stoff und Nähqualität müssen stimmen, alles tipptopp.“ Max Gansow streicht mit der Hand über den feinen Velours und testet den Reißverschluss. Marco Heimann wirft einen Blick darauf: „Ich bin noch nicht ganz zufrieden. Darüber müssen wir nachher noch mal reden.“

Ich verabschiede mich. Der Himmel hat sich etwas aufgeklart. Es ist heller geworden. Über dem Haus zieht eine Schar Zugvögel gemeinsam Richtung Süden.

 

Monika Dörner-Lipinski (Assistentin der Steuerberatung, Kanzlei Schleifenbaum, Siegen)

schleifenbaum_0064 (3)„Schön, Sie kennen zu lernen“, sagt Monika Dörner-Lipinski, als sie in den frisch renovierten Besprechungsraum der Siegener Kanzlei kommt. Gewohnt, das Anliegen der Mandanten sorgfältig aufzunehmen, hat sie Block und Stift dabei. Sie trägt einen klassischen schwarzen Hosenanzug mit einer rosafarbenen Bluse, dazu Pumps und dezenten Schmuck, die dunklen Haare hochgesteckt.

Ihr Aufgabenbereich als Assistentin ist vielfältig: Sie erstellt Steuererklärungen, legt Rechtbehelfe ein, wirkt bei gerichtlichen Verfahren mit, recherchiert zu Streitfragen, entwickelt Argumentationsstrategien und steht den Mandanten beratend zur Seite. Schwerpunktmäßig ist sie im Bereich des Verfahrensrechts, der internationalen Steuern, der Umsatzsteuer, des Zollrechts sowie des steuerlich relevanten Gesellschaftsrechts tätig. Als Kind mochte sie Mathematik und suchte einen Beruf, in dem sich ihre Freude am Argumentieren mit ihrem Interesse an der Auslegung von Paragraphen und ihrer Vorliebe für Zahlen verbinden ließ. Sie studierte deutsches und europäisches Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt internationales Management und internationales Recht bis zum Diplom und machte während ihrer Elternzeit den Master in Accounting, Auditing and Taxation, um in die Steuerberatung zu gehen.

Monika Dörner-Lipinski fühlt sich im Team sehr wohl. Sie genießt es, mit unterschiedlichsten Mandanten in Kontakt zu treten, Sachverhalte zu erörtern und den steuerlichen Hintergrund gemeinsam zu beleuchten. „Personen, die gerade ihre Leidenschaft zum Beruf machen, andere, die unverschuldet schwierige Zeiten erleben – all das fasziniert mich. Steuerrecht ist nicht trocken, sondern sehr lebendig!“, schwärmt sie. „Steuern – das sind ja nicht nur Zahlen, sondern Menschen, die dahinterstehen.“ Sie strahlt. „Durch Fingerspitzengefühl, Fleiß und Einfühlungsvermögen gewinnt man das Vertrauen der Mandanten“, fasst sie zusammen.

Gelassenheit zu bewahren, Voraussicht zu besitzen, die richtigen Fragen zu stellen und Prioritäten setzen zu können hält sie dabei für wesentlich. „Was ich gerne vermitteln wollte, ist der Spaß an Steuern. Das ist ein ganz spannender Beruf. Steuern sind sehr vielfältig und begegnen uns in den unterschiedlichsten Lebenssituationen.“

Ihr wichtigster Wert: Ausgeglichenheit. „Ich möchte meiner Familie gerecht werden und im Beruf das Bestmögliche geben. Das funktioniert nur, wenn man eine innere Balance hat. „Ich profitiere so gesehen stark von den technischen Innovationen, zum Beispiel durch Onlinekonferenzen mit Mandanten und Web-Seminare, und unser Arbeitszeitmodell kommt mir sehr entgegen“, sagt sie abschließend. Monika Dörner-Lipinski ist angekommen – eine Mitarbeiterin, die Empathie im Gespräch mit Begeisterung für die Sache und zielstrebigem Lerneifer in sich vereint.

Kerstin Beck (Mutter und Gesundheitsmanagerin, Hürth)

leseprobe1Ich sitze im Garten von Kerstin Beck, die Vögel zwitschern, vom Balkon gegenüber gibt ein Papagei aus seinem Käfig flötende, keckernde und schreiende Töne von sich. Ab und zu übt er ein paar Schimpfworte. Zwei graue Kater leisten mir Gesellschaft im Halbschatten. Es ist Vormittag und die beiden Kinder sind noch im Kindergarten. Kerstin Beck hat Zeit. Sie ist seit einem halben Jahr arbeitslos, macht sich aber noch keine großen Sorgen, ist noch optimistisch. Mit 41 ist sie in einem Sonderprogramm der Arbeitsagentur. Integrierter ganzheitlicher Ansatz zur Arbeitsvermittlung nennt sich das und bedeutet: Sie hat eine Ansprechpartnerin, die sie auch persönlich erreichen und sprechen kann, ohne im Callcenter in der Warteschleife zu verzweifeln. Mit zwei kleinen Kindern ab einem gewissen Bildungsniveau eine Teilzeitstelle nur für den Vormittag zu finden ist das größte Manko. „Als Bäckereifachverkäuferin würde ich überall eine Teilzeitstelle bekommen, aber das bin ich nun mal nicht. Buchführung kann ich auch nicht, um vormittags im Sekretariat zu arbeiten“, sagt sie.

Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung als Pharmazeutisch-technische Assistentin und merkte schnell, dass sie statt des geplanten Pharmaziestudiums lieber etwas viel Spannenderes in Angriff nimmt: Anthropologie, Ethnologie und Publizistik. Mit Schwerpunkt Krebsforschung landete sie anschließend im Gesundheitsmanagement einer privaten Krankenversicherung und studierte nebenbei noch angewandte Gesundheitswissenschaften. In einer Unternehmensberatung stieg sie zum Thema E-Health ein. Nach drei Monaten wurde allen gekündigt, ihr Projekt konnte sie noch abschließen, dann nahm ihr Chef sie in eine neue Firma mit. Dort war sie Produktmanagerin in einem Softwareunternehmen, nahm die Anforderungen von Ärzten an ihre Praxissoftware auf und gab die Daten an die Entwickler weiter. Leider wurde auch dieses Büro geschlossen. Kerstin Beck erhielt die Kündigung in der Elternzeit. „Das war auch unschön, natürlich mit Anwalt und allem“, deutet sie an.

Als ihr Kleiner im Kindergarten war, machte sie sich auf die Suche und fand neue Arbeit. Für private Krankenversicherungen beriet sie ein Jahr lang Patienten mit Herzinfarkt, Diabetes, Herzinsuffizienz und Asthma am Telefon. Sie sensibilisierte sie für den Umgang mit ihrer Diagnose und erinnerte sie regelmäßig an die erforderlichen Lebensstiländerungen. Die Kommunikation im Dialog liegt ihr. Auch dieses Team ist sehr dezimiert worden.

An einer Hochschule kam sie sehr weit mit ihrer Bewerbung, hatte dann aber doch das Nachsehen. Sie ist breit aufgestellt, kann vieles, ist flexibel und wortgewandt, aber jemand anderer mit genau der Erfahrung in genau dem Bereich bekam den Job. Ihr Lebenslauf offenbart nicht auf den ersten Blick, wo sie einzusetzen wäre. „Ich kann viel, kann mich in viel einarbeiten, aber muss auch Leute finden, die mir das zutrauen. Auf welche Jobs ich mich bewerbe? Auf die eierlegende Wollmilchsau.“ Sie lacht. Selten findet sie Angebote im Gesundheitswesen; im Gesundheitsmanagement planen, beraten, für Patienten produktiv sein, das wäre ihr Wunsch. „Der Kontakt mit Menschen macht mir schon Spaß“, erzählt sie. Das nächste Bewerbungsgespräch ist in ein paar Tagen.

Kerstin Beck spricht leise, vorsichtig nähert sie sich einem Thema an, eine zurückhaltende Frau. Bevor sie sich bewirbt, fragt sie telefonisch nach. „Mich aufdrängen ist nicht meine Welt.“ Die Gesamtperspektive macht ihr Sorgen, befristete Jobs, Bewerbungen alle paar Jahre in immer höherem Alter: „Ich kenne viele, die studiert haben und die jetzt Jobs machen, nach denen man besser nicht fragt.“ Wenn sie ihren Mann nicht als Mitverdiener im Rücken hätte? Das mag sie sich kaum vorstellen. „Wahrscheinlich würde ich bei Aldi oder Rewe an der Kasse sitzen.“ Andere Mütter arbeiten für Putzfrau, Kindermädchen, Autofahrten und behalten kaum etwas übrig vom Vollzeitjob, der irgendwann nur noch Nerven kostet.

Kerstin Beck wünscht sich, dass man sich nicht am normalen Überleben so aufreiben muss. Sie wünscht sich Unternehmen, die verstehen, dass Lebensphasen bestimmte Bedingungen brauchen und diese sich auch wieder verändern, dass Leben nicht nur auf der Mitarbeiterseite Flexibilität verlangt: „Auf der einen Seite wird gesagt, es besteht Fachkräftemangel, auf der anderen Seite wird es nicht unterstützt, die Leute im Unternehmen zu halten. Das sind alles Worthülsen“, beschwert sie sich. „Keiner bekommt es hin, Arbeitszeitmodelle zu kreieren, die an Lebensphasen angepasst sind, auch für Väter, ohne dass die Karriere dann im Eimer ist. Ich möchte ja nicht auf Lebenszeit halbtags arbeiten und trotzdem doch auch mal wieder den Kopf beschäftigen.“ Vor allem ärgert sie, dass man ihr mit zwei kleinen Kindern fast nur noch Hilfsjobs zutraut. „Das Schubladendenken ist am Leben vorbei. Es muss zumindest die Möglichkeit der Links- und Rechtskurven geben. Man kommt für alles, was Kopfarbeit bedeutet, fast gar nicht mehr in Frage. Wozu hab ich denn studiert?“, fragt sie sich.

Sich selbstständig zu machen erlaubt ihre Zeit noch nicht. Aber nebenbei benäht sie Kinder-T-Shirts mit selbst entworfenen Applikationen für andere Mütter aus dem Kindergarten. Ein Babyshirt mit einem aufgenähten Leuchtturm gibt sie mir als Geschenk für einen gemeinsamen Bekannten mit, mit Liebe zum Detail genäht, für einen kleinen Jungen in aufwändiger Handarbeit geduldig und geschmackvoll hergestellt. Sie zeigt mir eine neue Zeitschrift, in der es darum geht, kreativ zu werden, Achtsamkeit für sich selbst zu üben und die Komfortzone zu verlassen. Vielleicht baut sie später noch mal etwas ganz Neues auf. Irland wäre ihr Traumland.

 

 

 

Charlotte Holler (Coach, Name geändert)

leseprobe2Wir treffen uns im Schloss, ihrem neuen Refugium. „Was machen Sie denn im Schloss? Sind Sie die Schlossherrin?“, wurde sie neulich nach einem Vortrag gefragt. „Nein, ich organisiere die Kundenbetreuung für die Kochschule und sitze im Keller“, musste sie einräumen. Und sie ist Coach. Für die Kochschule in der Stadt führte sie eine Teamentwicklungsmaßnahme durch und bot kurzerhand an mitzukommen, als der Umzug ins Schloss bevorstand. Wir steigen vom Keller in ihren Coachingraum hoch und ich ignoriere, dass sie mich siezt, obwohl wir schon beim Du waren.

Groß und stattlich ist ihre Erscheinung, die halblangen dunkelblonden Haare trägt sie heute streng zurückgegelt und im Nacken geknotet. Eine weiche Strähne hat sich sanft aus dem ordentlichen Gefüge gelöst. Soft and strong. „Ich finde es unanständig, so viel Raum einzunehmen für meine eigenen Themen. Ich bin nicht daran gewöhnt, so viel aus meinem Leben zu erzählen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht“, sagt sie.

Der Raum bietet genügend Platz für zwei bequeme braune Ledersessel, ein Tischchen, Kaffeemaschine und Spüle, helle Bücherregale und ein Flipchart, der Teppich ist grasgrün. Den Kaffee trinkt sie schwarz, auch wenn ihr das nicht schmeckt. Kein Milcheiweiß, wenig Kohlenhydrate. Sie entgiftet, um mehr Energie zu gewinnen.

Als junges Mädchen nach dem Abitur hörte sie von einer Freundin, die sich bei der Lufthansa als Stewardess bewarb. Sie spürte immer schon Fernweh, Lust auf Abenteuer, Neugierde, hungerte sich zehn Kilos leichter und bewarb sich. Sie wurde genommen, die Freundin nicht. „Ich hab viel von der Welt gesehen und fand das toll, bis es mir nach ein paar Jahren zu oberflächlich und langweilig wurde“, erinnert sie sich. Als sie in Berlin einen wesentlich älteren Freund hatte, Soziologe, Intellektueller, motivierte er sie zu studieren. Sie entschied sich für BWL an einer Fernuniversität mit Schwerpunkt Personal und Marketing. Am Kennenlernabend traf sie ihren späteren Mann. „BWL hat mir gefallen, weil ich gut in Mathe bin, ich wollte etwas, was mit Analytik und Logik zu tun hat. Auf der anderen Seite hab ich ein unglaubliches Gespür für Stimmungen und Atmosphäre und direkt Ideen zur Verbesserung. Ich hatte schon immer gerne mit Menschen zu tun und war mit einer hohen Dienstleistungsorientierung unterwegs. Meine Passagiere haben sich bei mir immer wohl gefühlt.“

Im Laufe des Studiums wechselte sie zum Bodenpersonal am Flughafen. Obwohl sie innerhalb des Konzerns wechselte, erhielt sie nur einen befristeten Vertrag – „… eigentlich auch eine Unverschämtheit. Da fing das Problem schon an.“  In der Gepäckermittlung erhielt sie die Chance auf eine unbefristete Anstellung und zögerte nicht lange. „Da wollte keiner hin, das war auch im Keller. Den ganzen Tag kamen unzufriedene Gäste, um sich zu beschweren, der Koffer ist kaputt, die Messeunterlagen sind weg. Das hatte sehr viel mit Krisenmanagement zu tun. Da haben sich ja teilweise Dramen abgespielt. Das wollte keiner freiwillig machen.“

Krisensituationen zu glätten sieht sie als Herausforderung. Entscheidungen trifft sie schnell. Zermürbt hat es sie dennoch, was sie sich lange nicht eingestehen konnte. Mit 26 kam die erste Tochter, mit 30 die zweite. Da nahm sie hochschwanger am 10-jährigen Abiturtreffen teil und traf etliche, die noch nie gearbeitet und ihr Studium noch nicht beendet hatten. Sie besaß bereits 10 Jahre Berufserfahrung, war mit dem zweiten Kind schwanger und fast mit dem Studium fertig. „Einerseits war ich stolz auf mich, andererseits dachte ich, bist du eigentlich bescheuert, so viel Energie zu verbrauchen? Das hat mich sehr viel Kraft gekostet.“

Nach dem Studium wurde sie ins Customer Relationship befördert, langweilte sich aber furchtbar im Job. Um sie herum Kollegen, die unter zu viel Arbeit stöhnten, während sie darauf wartete, dass es endlich losging und um 13 Uhr mit der Arbeit für den ganzen Tag fertig war. Als ihr Mann eine neue Stelle fand und sie in Teilzeit gehen wollte, signalisierte die Firma, dass man keine Präzedenzfälle schaffen wollte, nach der Elternzeit gab man ihr zu verstehen, dass Stellen abgebaut würden und Mütter wohl zuerst gehen könnten. Die Kollegen schwiegen und die Kränkung saß tief. „Ich war 14 Jahre bei der Firma, in dem Jahr bekamen sie den Preis für das familienfreundlichste Unternehmen.“

Sie nahm Kontakt zu einem Headhunter auf, der sofort auflegte, als das Wort „Elternzeit“ fiel. Als hätte sie sich nicht vorher Gedanken darüber gemacht, wie sie mit zwei kleinen Kindern arbeiten könnte, und auch dafür eine Lösung gefunden! „Einen Mann würde er das sicher nicht fragen“, empört sie sich.

Den nächsten Job fand sie auch ohne Headhunter und kam vom Regen in die Traufe. Hier gab es nicht zu wenig, sondern zu viel zu tun. In einem Monat wurden 150 Leute eingestellt, sie baute die telefonische Kundenbetreuung mit auf, stand wieder im Zentrum täglicher Krisen, erläuterte Rechnungen, beantwortete technische Fragen, ging jedem Verdacht auf Betrug nach, beruhigte dort, wo Gespräche eskalierten, coachte ihr Team: „Das war ein Irrenhaus, so anstrengend. Ich war meistens im Frühdienst, mit 25 Leuten im Raucherbüro, dazu 1000 Tassen Kaffee, und ich bin zitternd aus dem Büro gegangen.“ Guten Wind in der Zentrale zu machen, zu Meetings zu gehen und ihr Team in der Zeit im Stich zu lassen, das kam ihr nicht in den Sinn. Das taten andere, die dafür befördert wurden. Zweieinhalb Jahre hat sie durchgehalten. Kurz vorm Burnout kam sie in ein Coachingprogramm und hörte dort: „Bei Ihrem Engagement müssen Sie sich entweder schützen oder den Job wechseln.“

Lange genug hatte sie die Suppe anderer ausgelöffelt, fremde Brände gelöscht. Jetzt wollte sie auch verkaufen. Etwas Neues wagen. „Wir suchen das Schwungrad der Niederlassung“, warb ihr nächster Arbeitgeber und Charlotte Holler war zur Stelle. Als Niederlassungsleiterin mit Mitarbeitern Projekte in der Zeitarbeit umsetzen – das war ihre Idee. Zwei Firmen fusionierten, ein Kleinkrieg, bevor sie anfing, hatte schon dreimal ihr Chef gewechselt. Man schlug ihr vor, als Trainee wieder ganz unten anzufangen und sie kämpfte für die Einhaltung ihres Arbeitsvertrags. Schließlich bekam sie die Niederlassung und setzte sich hartnäckig für Aufträge ein: Als sie einem Kunden androhte, sich vor sein Werkstor zu ketten, erhielt sie den Zuschlag und musste ad hoc 20 ungelernte Hilfskräfte einstellen. Die Hälfte erschien nicht. Wahrscheinlich Sabotage, vermutet sie. Fünf Jahre blieb sie, in der Zeit ging ihre Ehe in die Brüche. „Da hab ich so richtig danebengegriffen. Mit 40 habe ich dann den Punkt erreicht zu sagen, sucht euch einen anderen Clown für diesen Zirkus. Ich mach das nicht mehr mit. Dann hab ich mich selbstständig gemacht.“

Zwanzig Jahre lang hatte sie sich in Konzernen aufgerieben, ihre ganze Energie in Dinge investiert, hinter denen sie nicht immer stehen konnte, gekämpft, alles eisern durchgezogen. Das kostete Kraft. Das konnte nicht so weitergehen bis 65. Alleinerziehend wagte sie, mit etwas Übergangsgeld ausgestattet, den Ausstieg, und machte ihre erste Coachingausbildung, der weitere folgen sollten. Jeder prophezeite ihr, dass es drei Jahre dauern würde, bis sie von ihrer Selbstständigkeit leben könnte, sie dachte sich, das müsste schneller zu bewerkstelligen sein, und nahm sich vor, es noch mal allen zu zeigen. Und es ging schneller. Mutig und offensiv bot sie sich bei Messen und Veranstaltungen als Coach an und konnte im ersten Jahr bereits Steuern zahlen.

Sieben Jahre lang ging es als Subunternehmerin von Outplacementfirmen wieder aufwärts. Sie verdiente viel und dachte, so ginge es immer weiter. Und etwas in ihr trieb sie noch weiter, noch höher. Sie wollte mehr Freiheit, Unternehmerin sein, ihr Angebot breiter aufstellen, mit Partnern auf Augenhöhe kooperieren, eigene Ideen umsetzen. Für die Vision vom Hof auf dem Land reichte es nicht, den Traum bewahrt sie sich fürs Alter. Sie verkaufte ihr Haus, löste Versicherungen auf und investierte alles in die Gründung ihres Unternehmens, eines Coachingzentrums. Und scheiterte.

„Mein Fehler war, dass ich zu viel wollte, zu groß geplant habe“, resümiert sie im Rückblick. „Ich hätte kleiner anfangen, sukzessive mit Kollegen, die partnerschaftlich mitinvestieren, etwas aufbauen sollen. Aber dafür war ich vielleicht zu dominant, es musste so laufen, wie ich das will. Natürlich sind dann Leute abgesprungen. Da hab ich verbrannte Erde hinterlassen. Ich hab mich wirklich verspekuliert. Als ich letztes Jahr da raus bin, hab ich nur noch geheult und war völlig verzweifelt.“ Die Hauptlast der Kosten trug sie allein, die Aufträge brachten zu wenig ein, nach eineinhalb Jahren versuchte sie sich zu verkleinern, aber auch das half auf Dauer nicht. Die Mietkosten waren zu hoch.

Dazu kam die familiäre Sorge, eine Tochter musste mehrmals operiert werden, eine kam im Studium schwanger zu ihr zurück. Tägliche Besuche im Krankenhaus einerseits und die Unterstützung dabei, eine lebensbejahende Entscheidung zu treffen, andererseits – das bindet emotionale Kraft: „Ich möchte mal die sehen, die dann voll im Business weitermachen als Selbstständige. Da kann man nicht strahlend akquirieren gehen.“ Sie schweigt und kämpft mit den aufsteigenden Tränen. Charlotte Holler ist eine Frau, die es gewöhnt ist zu kämpfen. Und doch sehnt sie sich wie jede Frau danach, sich auch mal anlehnen, kurz ausruhen, mittragen lassen zu dürfen. Wenn der Neid auf die „Tussis“ in ihr aufsteigt, sie denkt dabei an Frauen, die gut versorgt, mit Perlenkette behängt, vom Mann verwöhnt, noch nie im Leben gearbeitet haben, dann tröstet sie sich mit dem Gedanken, dass deren Krisen beginnen, wenn der Mann sie gegen eine Jüngere austauscht und sie feststellen müssen, dass sie noch nie etwas geleistet haben. Und das ist doch auch nicht beneidenswert. „Ich hab mir immer gesagt, ich bin eh zu schwer, mich kann eh keiner über die Schwelle tragen.“ Sie will es alleine schaffen.

Ihre Aufs und Abs hat sie mit kräftigen Schritten voll durchmessen, zwischen Flugzeug und Keller, zwischen Größenwahn und Absturz, äußere und innere Räume abgesteckt. Jetzt verbindet sie beides miteinander, im Schloss und im Keller und in sich.

Jetzt ist sie 50, schwankt zwischen Selbstabwertung und neu aufkeimender Hoffnung. Der nachlassenden Energie steuert sie mit geistiger Reife entgegen. Manchmal ist sie versucht aufzugeben. „Dann beantrage ich jetzt Hartz IV, bleib hier in meinem Coachingraum, eine Dusche ist ja da, das kann ich mir gerade leisten und dann arbeite ich ehrenamtlich. Jeder, der dann zu mir zum Coaching kommt, kann ja etwas zum Essen mitbringen. Dann ist dieser Kampf wenigstens vorbei.“

Aber sie hat schon wieder einige Bälle in der Luft, arbeitet für kleines Geld in Teilzeit, um versichert zu sein, bietet Coachings an, ist bei einem Bildungsträger für einen niedrigen Stundensatz Potenzialberaterin. Und drückt beide Augen zu, wenn sie spürt, wie viel Kraft es sie kostet, die Bälle gleichzeitig in der Luft und im Rhythmus zu halten, wenn sie sieht, dass die Dinge zu wenig abwerfen, um sie aus ihrer wirtschaftlichen Misere zu holen. Manchmal hat sie Sorge, ihr Ziel zu verlieren, verwirrt zu sein. Sie wirft sich vor, für wenig Geld zu arbeiten: „Hauptsache man macht etwas, damit man auch nach draußen sagen kann, guck mal, ich mach aber doch was, auch meinen Eltern gegenüber. Anstatt nein zu sagen. Es kostet zu viel Kraft und bringt mich nicht nach vorne.“

Von Akquisitionsgesprächen hängt jetzt viel mehr ab als früher, ihre Existenz, Zukunft, die Jahre im Alter, jetzt kommt es nicht mehr nur auf den richtigen Hosenanzug und Willenskraft an, jetzt gilt es, die inneren Selbstvorwürfe nicht nach außen strahlen zu lassen, eine königliche Haltung im Elend wiederzufinden. Wie macht man das, ohne aufgesetztes Pokerface, mit der Sehnsucht nach Autonomie und umfassendem Menschsein?

Immer noch leben in ihr Trotz und Hoffnung, es allen zu zeigen. Eine Vision von Solidarität und gemeinsamer Arbeit im Alter, in schöner Gemeinschaft, in der jeder beiträgt, was er kann, sich alle gegenseitig unterstützen, die sie bereits früher als starke Tragkraft erleben konnte, als sie in der Kommunalpolitik Frauen für die Ganztagsbetreuung ihrer Kinder gewann, schwebt ihr als fernes Zukunftsziel vor Augen. Der schöne Ort, die gute Rückmeldung ihrer Kunden, die Arbeit für Frauen im Management – sie versteht es, den Blick auf das zu richten, was ihr wieder Kraft gibt. Sie ist stolz auf ihre Töchter. Vielleicht würde sie die meisten Entscheidungen wieder treffen, vermutlich würde sie versuchen, die Gegensätze in sich früher zu versöhnen, Dominanz und Stärke mit Empathie und feinsinnigem Gespür zu verbinden, und so andere Firmen, andere Kunden und Partner anzuziehen. „Ich hab zu oft am Gras gezogen oder bin draufgetreten. Davon wächst es auch nicht schneller. Vielleicht liegt deshalb dieser grüne Teppich hier im Coachingraum, um mich daran zu erinnern, dass alles seine Zeit braucht.“

Dass die Arbeit für Menschen in unserer Gesellschaft so wenig geschätzt und unterbezahlt wird, findet sie unerhört – für sich selbst und für alle in pflegenden, erziehenden und menschlich unterstützenden Berufen, Arbeit, die häufig von Frauen geschultert wird: „Die einen haben einen Job und halten daran fest, sie kämpfen am Rande des Burnouts von einer Kur zur nächsten und reißen sich dauernd zusammen, die anderen haben nichts und versuchen sich selbstständig zu machen. Alle wollen Coach werden.“ Und sie appelliert: „Leute, überlegt doch mal, was ihr aus euren Berufen mitbringt. Vielleicht können wir mit mehreren Frauen noch mal ein Unternehmen machen, wo wir unsere eigentlichen Stärken einbringen, Einkauf, Marketing, wo man vielleicht auch eine Ingenieurin hat und etwas produzieren könnte.“

Aschenputtel und Phönix aus der Asche sind Leitmotive, die ihr schon immer gefallen haben. Wiederauferstehen zu echter Größe, wirtschaftliche Tragfähigkeit im Business mit Herzenswärme und dem Willen zum Guten verbinden, das wünscht sie sich für sich und für andere.

Vielleicht erreicht sie es in der Gemeinschaft mit anderen. Vielleicht ist die Zeit jetzt reif dafür und das Gras steht gerade hoch genug.