leseprobe1Anton Anonym lebt auf einem Dorf in der Nähe von J. Er stammt aus dem Nachbarort. Hier hat er vor 20 Jahren gebaut. Hier ist sein Revier. Von hier aus zieht er seine Kreise. Wir sitzen im Garten unterm Kirschbaum. Der Teich ist abgedeckt, damit der Kater beim Fischen nicht baden geht. Eine friedliche Idylle, der Nachbar nutzt das schöne Wetter für Sägearbeiten.

Mein Aufnahmegerät lässt sich nicht einschalten, aber er eilt ins Haus, holt ein USB-Kabel und eine Verlängerungsschnur. „Das haben wir gleich“, beruhigt er mich. Der Mann kümmert sich, lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Ein großer, verträglicher Typ, mit dem man leicht ins Gespräch kommt. Bereitwillig erzählt er von sich. Der Kater legt sich vor uns in den Schatten.

„Dass ich BWL studiert habe, war eher Zufall“, beginnt er. Bereits im Studium bot ihm ein Bekannter an, freiberuflich bei ihm in einer Versicherungsagentur anzufangen. Er fand Gefallen am Thema, beendete sein Studium mit Schwerpunkt Versicherungs- und Finanzwirtschaft und blieb dabei. Im Außendienst Kunden zu beraten machte ihm mit der Zeit richtig Spaß, der Kontakt zu unterschiedlichsten Menschen liegt ihm. Die Grundausbildung für die Zulassung zog er nebenbei durch. Er erinnert sich gerne an seine Anfänge: „Als ich den dritten Tag da war, haben wir im Supermarkt die Verkäuferinnen in der Küche beraten, direkt der nächste Termin war beim Vorstandsvorsitzenden einer großen AG. Das war die Spannbreite, in der man sich dauernd bewegte.“ Innerhalb kürzester Zeit konnte er sich Fachwissen aneignen und langjährige Mitarbeiter schulen.

Nach drei Jahren bot ihm der Chef seinen Posten an und er nahm an. Anfang Dreißig war er Organisationsleiter, übernahm Führungsaufgaben. War so gut, dass er sich selbst das Wasser abgrub: Weil es bei ihm im Betrieb funktionierte, wurde sein Modell auf alle anderen Organisationseinheiten übertragen, seine Spezialorganisation wurde aufgelöst. Anonym wechselte von Köln nach Düsseldorf und überzeugte wieder: „Das habe ich von Null an aufgebaut in einem Jahr. Eigentlich waren drei Jahre geplant. Unglaublich.“ Zwei Führungskräfte starben an Herzinfarkt, gerade Anfang Vierzig, sein Chef will gehen und ihn mitnehmen. Aber Anton Anonym ist in der Region verwurzelt. Er bleibt.

Er baute Agenturen auf und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Mit 40 wurde ihm, dem Versicherungsexperten mit hoher Internetaffinität, offeriert, bei einem neu gegründeten, groß angelegten Internetportal mitzumachen. Die Herausforderung nahm er gerne an. „Als wir hier in Deutschland noch BTX hatten, war ich schon im Internet.“ Produktmanagement, Softwareentwicklung, Vertrieb, PR – all das fiel ihm leicht, er liebt die Vielfalt der Aufgaben. „Das hat unheimlich Spaß gemacht. Beruflich gesehen, war es die schönste Zeit“, schwärmt er noch heute.

Nach drei Jahren lösten beide Muttergesellschaften das Unternehmen auf. Die von ihm entwickelte Software verschwand in der Schublade. Als die Hälfte der Mitarbeiter entlassen wurde, ging er freiwillig. „Ich komme aus dem Vertrieb und finde schnell wieder einen neuen Job“, dachte er. Er war noch gut im Geschäft. Wöchentlich riefen Headhunter an, aber Anton Anonym ließ sich nicht abwerben. „Wenn etwas so viel Spaß macht, bin ich auch mal bereit zurückzustecken“, räumt er ein.

Jetzt griff er zum Hörer und hatte innerhalb von drei Tagen einen neuen Job als Vertriebsleiter in Aachen.  Wieder überholt er sich selbst. Im dritten Jahr ist er so erfolgreich, dass er bereits im Sommer die Zahlen fürs ganze Jahr erreicht hat. Aber er will weiter, bewirbt sich intern, wird abgelehnt. Sein Chef kommt aus der Kur zurück, reagiert verständnislos und das Mobbing beginnt. „Zwei Abmahnungen, Schikane ohne Ende. Das war für mich die Hölle.“

Anton Anonym erzählte einem Kollegen beim Mittagessen seine Misere. Am Nachbartisch: der Regionaldirektor einer anderen Versicherung. Er gab ihm seine Karte und bot ihm eine neue Stelle an, ein reizvoller Posten, Bericht direkt an den Vorstand. Und Anton Anonym ergriff die Chance. Einmal angeschlagen, kam er vom Regen in die Traufe. „Den habe ich falsch eingeschätzt“, bedauert er. Drei Tage vor Stellenantritt bot man ihm eine andere Position an, nach einem halben Jahr sollte er aufsteigen. Er sagte trotzdem zu, flexibel, hoch motiviert. Aber die Voraussetzungen stimmten nicht, es blieb bei leeren Versprechungen.

Es beginnt zu regnen und wir wechseln ins Wohnzimmer. Die Einrichtung ist gediegen, schwere, dunkle Holzmöbel, weiche hellblaue Sofas, auf dem einen eine Katzendecke. „Sind Sie allergisch?“, erkundigt er sich fürsorglich und bittet mich, auf dem Sessel Platz zu nehmen. Im Haus räkelt sich eine Langhaarkatze. Der Kater bleibt noch etwas im Garten, wechselt später ins Haus, als es draußen ungemütlich wird, will dann doch wieder an die Luft. Ein friedliebender Streuner, Revierkämpfe mit anderen Katern interessieren ihn nicht. Er passt gut zu Anton Anonym.

Mit 45 tüftelte er mit einem Bekannten ein neues Konzept aus. Innerhalb eines Monats war das Jahresziel erreicht. Anton Anonym kann man nichts mehr vormachen. Für seine Kunden sucht er stets das Beste aus einer großen Angebotspalette. Er machte sich selbstständig. Dafür schloss er sich an ein Unternehmen an. Für eine sechsmonatige Grundvergütung sollte er auch Aufbauarbeit betreiben. Die Arbeit machte er, die versprochene Vergütung und den Nachtrag zum Vertrag erhielt er nicht. Drei Jahre Prozesse zehrten an den Reserven. Davon erholt sich keiner so leicht. Er begann von privaten Rücklagen zu leben.

Befristete Aufträge als Trainer – „Ich kann gut vermitteln. Das hat mir immer Spaß gemacht“ – oder freier Mitarbeiter kamen, er wechselte mehrfach mühelos von Anstellungsverhältnissen zu selbstständiger Tätigkeit. Ein Angebot eines Ökomaklers, Filialleiter zu sein, faszinierte ihn. Kollegialität, Umgang, strenge Kriterien für Nachhaltigkeit – all das entsprach seinen Wertvorstellungen. Man einigte sich schnell. Wieder war seine Filiale die einzige, die schwarze Zahlen schrieb, nach neun Monaten wurde der gesamte Außendienst entlassen, für eine Abfindung zu kurz. „Das war eine Hauruckaktion, am 1.9. habe ich noch einen neuen Mitarbeiter eingestellt, eine Woche später bekamen wir alle die Kündigung“, bedauert er.

Anton Anonym ist an Neuanfänge gewöhnt, bringt nicht nur ganze Firmen von Null auf Hundert, sondern auch sich selbst. Er versteht es, sich zu motivieren, in kürzester Zeit einzuarbeiten, Verantwortung zu übernehmen und dabei seinen Werten treu zu bleiben. Ausgedachte Verkaufsstorys lässt er sich nicht aufzwingen: „Ich bin 20 Jahre im Vertrieb. Mir muss keiner aus dem Innendienst erzählen, wie ich ein Produkt verkaufe.“ Den Kunden fair zu beraten, das ist immer noch sein Anspruch. Ein Abschluss bei ihm hat Hand und Fuß. Den Neuanfang machte er wieder auf sich gestellt, bis eine Lebensversicherung ein Angebot als Maklerbetreuer machte. Nach drei Monaten wurde umstrukturiert, die letzten drei mussten gehen.

Mit 49 spürte er die Erschöpfung und gönnte sich einen Monat Ruhe. Aber damit war es nicht getan. Die Ärzte diagnostizierten Burnout, depressive Verstimmung, nebenbei wurde er als hochbegabt getestet, ist leistungsfähiger als andere in seinem Alter. „Ich bin nicht depressiv, mein Freizeitverhalten ist aktiv, ich habe keine Kontaktprobleme“, erklärt er. Er braucht keine Therapie, sondern einfach einen neuen Job. Letztes Jahr wurde ihm ein Top-Job angeboten, die Chemie stimmte, er fühlte sich sicher und wickelte seine Selbstständigkeit ab. Dann der Genickschlag: Der Vertrag kam nicht. Der Betriebsrat zog einen internen Bewerber vor, unqualifiziert, noch zu schulen für den Posten, den er mit links geschultert hätte. Das war eine Woche vor Weihnachten, als er gerade aufgeatmet hatte und sich auf den Neustart im Januar freute.

Seit einem Jahr arbeitet er wieder selbstständig und bewirbt sich weiter. Ein fixes Grundgehalt gibt es nicht mehr. „Bei manchen Unternehmen muss man erst mal Geld mitbringen, um arbeiten zu dürfen, kein Fixum, kein Vorschuss, keine Chance“, stellt er enttäuscht fest.

Schon in seiner letzten Führungsposition widerstrebte ihm, was in Unternehmen üblich wurde: „Man ließ neue Leute ins offene Messer laufen, was die Bezahlung anging. Das Grundgehalt baute sich immer mehr ab, im Gegenzug genauso viel Provision aufzubauen, das war gar nicht zu schaffen.“ Wenn der Bewerber Familie hatte, klärte er ihn auf und riet ihm ab. „Das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.“ Jetzt ist er Bewerber, sitzt vor skeptischen Studienabgängern, die ein vierwöchiges Praktikum im Außendienst absolviert haben, und soll sich rechtfertigen, Erfolge nachweisen – oder wie ein Anfänger ganz unten anfangen, am liebsten erst mal pro bono. Als Selbstständiger erhält er kein Überbrückungsgeld, sonst würde er das sogar noch in Erwägung ziehen. „Hättest du damals drei, vier Monate umsonst gearbeitet, wärst du jetzt wenigstens drin“, ärgert er sich im Nachhinein.

Dazu kommen Gesetzesänderungen. Die Provisionen wurden gedeckelt, Stornohaftungszeiten verlängert, die Beitragsentwicklung ist ungünstig. Anton Anonym verdient an seinen Kunden nichts mehr, zahlt sogar noch drauf: „Der Personenkreis, dem ich guten Gewissens eine private Krankenversicherung empfehlen kann, hat sich auf 20% reduziert. Der Rest fällt weg. Das geht nicht mehr.“

Er will die Branche wechseln. „Ich bin flexibel, habe eine breite Interessenlage, kann schnell tief einsteigen“, betont er. Vielleicht wäre er auch ein guter Bauberater. Das würde ihm Spaß machen. Aber ein Branchenwechsel scheint fast unmöglich. Der Mensch mit seinen Fähigkeiten wird nicht gesehen. Der immer gleiche Standardspruch auf Absagebriefen frustriert ihn. Er hat sich früher jeden Bewerber persönlich angesehen, Chancen gegeben. Jetzt legen andere ihn fest auf Versicherungen und Finanzen, stempeln ihn als zu teuer ab, disqualifizieren ihn als nicht mehr leistungsfähig. Diese Dreistigkeit der Jüngeren lässt ihn nur mit dem Kopf schütteln. Anton Anonym steht 20 Jahre nach seinem Studium und 17 Jahre vor dem Rentenalter in der Mitte seines Berufslebens: „Ich kann mein Arbeitsleben doch jetzt noch nicht gemütlich ausklingen lassen.“ Überqualifiziert und zu alt – das sind die vernichtenden Urteile der anderen, die über Existenzen entscheiden. Stimmt er einem zu niedrigen Gehalt zu, macht er sich verdächtig: „Damit können Sie doch nicht zufrieden sein.“

Die Langhaarkatze klagt ihr Fressen ein. Anton Anonym kümmert sich sofort. Die Wanduhr tickt.

Seit Monaten konnte er die Raten fürs Haus nicht zahlen. Die Zeit läuft ihm davon. Für Franchising fehlt ihm das Startkapital. Woher soll er 100000 Euro nehmen, wenn er noch nicht mal für die Autoraten seiner Tochter bürgen darf? Ans Alter denkt er lieber nicht, die Planung, die er mit Dreißig für seine Sechziger machte, beginnt gerade davonzuschwimmen. Er denkt ans Jetzt. Die nächsten Monate sind entscheidend. Jetzt werden die Weichen gestellt.

Die Arbeitslosenstatistik regt ihn auf. Die wie immer angeblich erfreuliche Entwicklung kann er nur belächeln. Viele Ältere sind in der Statistik nicht erfasst, jobben, finden nichts mehr. „Darüber redet kein Mensch. Die größten Flaschen sitzen auf ihren Posten und werden reihum versetzt, bis 15 Jahre um sind.“ Sein Schreckgespenst: ein Bekannter, der wie er BWL studiert hat, Filialleiter war und jetzt im Schichtdienst als Hilfsarbeiter im Flughafenlager resigniert hat. „Mit Qualifikation hat das nichts mehr zu tun. Ich glaube, er hat aufgehört, sich zu bewerben“, stellt er fest.

Er gibt nicht auf. Seine Stimmung behält er, weil er sich in anderen Bereichen Anerkennung holt. Er arbeitet als Fußballtrainer – auch hier hat er die Gruppe von Null an aufgebaut, wurde zum Jugendtrainer des Jahres gekürt –, setzt sich im Förderverein der Schule ein und hat für sie in den letzten Jahren mehr als 70000€ gesammelt. Überall zeigt er vollen Einsatz für andere, erreicht mehr als üblich. „In dem Moment, in dem man anfängt, nichts mehr zu tun, sackt man weg“, ist seine Devise.

Noch scheut er sich davor, vom beruflichen Niveau her abzusteigen, irgendeinen Job zu machen, um etwas Geld zu verdienen. Wie soll er das später rechtfertigen, solange Brüche im Lebenslauf noch als Makel angesehen werden? Freunden Versicherungen zu verkaufen, Bekannten Kunden abzuwerben, in fremde Reviere einzudringen, das kommt für ihn nicht in Frage. Wenn es gar nicht mehr mit dem Einstieg klappt, wird er vielleicht einfach zu Hause Nachhilfe geben, überlegt er. Im Nachbardorf macht das jemand seit Jahren und pflegt noch die kranke Mutter nebenbei, hörte er neulich beim Fußballtraining der Mädchengruppe. Den guten Draht zur Schule hat er ja bereits. Der Mann lässt sich nicht unterkriegen.