RoswithaDie Ferien verbrachte ich oft auf dem zehn Kilometer entfernten Dorf bei verwandten Bauern in Rederitz, dem Geburtsort meines Vaters. Auf ihrem Hof gab es weder Strom noch fließendes Wasser. Sie lebten ärmlich und erbärmlich und kannten es nicht anders.

Als Toilette diente ein Plumpsklo etwas abseits vom Wohnhaus, ein Häuschen mit einem herzförmigen Fenster. Für die Nacht stellte Tante Martha mir einen Eimer ins Zimmer. Die dunklen Abende erhellten wir mit Kerzenschein und Petroleumlampen, Wasser wurde aus einer Pumpe hinter dem Haus geschwengelt. In einer kleinen Kammer neben der guten Stube stampfte die Tante heimlich Butter in einem Fässchen, denn die Bauern sollten den größten Teil der Milch abliefern und für die Familie nur wenig zurückbehalten. Beim Gedanken an die köstliche selbst gemachte Buttermilch, auf der noch kleine Butterflöckchen schwammen, läuft mir noch heute das Wasser im Mund zusammen.

Mutti begleitete mich öfter und half den Verwandten zu meinem Erstaunen sogar beim Kühemelken oder beim Garbenbinden zur Getreideernte, obwohl sie doch eine Städterin war und nur die Arbeit im Kölner Hotel meiner Oma kannte. Abends pflegte und wickelte Mutti die offenen Beine von Tante Martha, die einfach nicht heilen wollten.

Die Tochter Felicitas hinkte, seit sie von einer Kreuzotter gebissen worden war. Die größeren Söhne, Josefchen und Hans, hatten Angst, mit dem Postbus zu uns nach Deutsch-Krone zu fahren, denn sie wussten nicht, wie man umsteigt und sich in der Kreisstadt zurechtfindet. Die Umgebung von Rederitz hatten sie noch nie verlassen. Da kannten sie sich aus.

Ich erklärte ihnen, wie ich – die Fahrkarte um den Hals gehängt – mit dem Bus zu ihnen fand, und sie nahmen mich mit zum Hüten der Kühe und Schafe, die wir zuerst durchs ganze Dorf auf die Weide treiben mussten. Zu Mittag aßen wir dann selbst gebackenes und dick belegtes Brot, während die Tiere grasten. Wir sammelten in den umliegenden Fichtenwäldern körbeweise Steinpilze und Pfifferlinge, die die Tante fürs Abendessen mit Eiern und Speck in der Pfanne briet, während Hühner, Enten und Gänse durch Haus und Hof liefen.

Hinter der Scheune standen viele große Kirsch- und Pflaumenbäume, auf die ich gerne kletterte, um die reifen Früchte direkt vom Baum zu naschen. Im Garten vor dem Hof erntete ich am liebsten Himbeeren, Erbsen und Möhren und aß alles gleich roh aus der Hand. Zu Ostern machte uns Kindern das Eierstiepen auf den Nachbarhöfen besonderen Spaß: Frühmorgens durften wir die Erwachsenen mit Haselruten aus den Betten jagen und bekamen dafür rohe Eier geschenkt, die wir vorsichtig nach Hause trugen. Für einen Moment vergaßen wir den Krieg. Wir hatten alles, was wir brauchten.

Auf dem Friedhof von Rederitz lagen auch die Eltern meines Vaters und die Eltern meiner Cousine Lisa. Wenn ich dort zu Besuch war, pflückte ich Wiesenblumen und legte meine Sträußchen auf den Gräbern ab. Lisa war sehr begabt und arbeitete als junge Ärztin an der Charité in Berlin. In ihren Ferien besuchte sie uns gerne. Sie war mein großes Vorbild und versprach mir, mich später einmal studieren zu lassen. In den letzten Kriegstagen setzte sie aus Angst, den Russen in die Hände zu fallen, ihrem Leben mit einer Giftspritze selbst ein Ende. Unfassbar. Sie war für mich wie eine große Schwester, die ich immer vermisste.