RoswithaAls die Bomben auf Köln fielen, kamen meine Cousinen mit Tante Christel für einige Wochen zu uns nach Deutsch-Krone und Vati achtete darauf, dass die Schulkinder bei uns den Anschluss nicht verpassten und zu Hause weiterlernten. Die Kölner genossen die Idylle der pommerschen Kleinstadt, die zwei Seen und die endlosen Wälder und vor allem die Ruhe vor dem Bombenhagel.

Mutti baute in unserer kleinen Wohnung die Betten im Wohnzimmer auf, und wir unterhielten uns abends mit Fingersprache unter der Decke. Marga, Käthe und Roswitha waren damals noch alleine, ihr Bruder Hänschen wurde erst nach dem Krieg geboren. Onkel Hans blieb in Köln und bewachte die Wohnung und seinen Schreibwarenladen im Souterrain, den er mit einem Eisengitter verschloss.

An einem herrlichen Sommertag 1943 besuchten Käthe und ich das Freibad, das wir nach einem halbstündigen Fußmarsch durch die Stadt am Ufer einer der beiden Seen erreichten. Wir planschten und vergnügten uns den ganzen Nachmittag und waren gerade dabei, die nassen Badeanzüge aus- und unsere Kleider anzuziehen, um pünktlich nach Hause zu kommen, als es in großen Tropfen zu regnen begann. „Bei Regen im Schwimmbad! Das macht Spaß! Komm, wir gehen noch mal ins Wasser.“ Käthe jauchzte und überredete mich sofort, den Badeanzug wieder überzustreifen und mit ihr ins Becken zu springen. Wir hatten die Badeanstalt inzwischen ganz für uns allein, hüpften und klatschten aufs Wasser, das von einer Noppenhaut bedeckt zu sein schien.

Wie von ungefähr blickte ich auf die große Uhr, die über der Eingangspforte angebracht war und erstarrte: Unter der Uhr stand mein Vater, stumm und fordernd. Wir waren zu spät, viel zu spät.

Wie zwei nasse Katzen schlichen wir schweigend mit ihm nach Hause. Ich ahnte, dass mir eine Strafe drohte. Nach dem Abendbrot rief er mich in sein Zimmer, schloss die Tür und verabreichte mir eine Wucht mit dem Rohrstock. Ich war zehn Jahre alt und erinnere mich bis heute an diese Demütigung. Als besonders ungerecht empfand ich es, dass Käthe verschont blieb und ich erst gar nicht zu meiner Verteidigung gehört wurde.

Erst Jahre später, als die Sorge, Vati gesund wiederzusehen, größer war als mein Wunsch nach Gerechtigkeit, konnte ich ihm verzeihen. Die Vertreibung aus unserer Heimat und die Flucht stellten meinen Kinderschmerz von damals in den Schatten. Es wäre ungehörig gewesen, ihn als Tochter später zur Rede zu stellen. Die Zeit der Entbehrungen nach Kriegsende stimmte Vati milder, und sein Verständnis von Autorität, die er mir immer noch abverlangte, änderte sich grundlegend. Die Not brachte uns einander näher.