RoswithaAm 28. Januar 1945, einem besonders eiskalten Sonntag, mussten wir uns auf die Flucht begeben. Ich war zwölf Jahre alt, als ich meine Heimat verlor. Wir waren die letzten im Haus, die noch ausharrten, und hörten bereits den grollenden Kanonendonner der bedrohlich herannahenden russischen Front, als wir packten.

„Zieht mehrere warme Kleidungsstücke übereinander an“, sagte Vati, „nicht gerade die besten, die brauchen wir noch, wenn wir zurückkommen.“ Die Nazis hatten der Bevölkerung weisgemacht, unser Gebiet würde nur vorübergehend Kampfzone. Mutti rollte ihre selbst geknüpften Teppiche zum Schutz vor den Stiefeln eindringender Soldaten zusammen und versteckte sie im Klavier hinter den Pedalen. Während sie die Wäsche vom Trockenboden holte und sorgsam faltete, schrieb ich einen Brief an die Unbekannten: „Liebe Soldaten, Ihr dürft in der Wohnung alles benutzen, aber bitte macht nichts kaputt.“ Wichtige Dokumente und Zeugnisse verstauten wir mit ein paar Habseligkeiten in einem Bettsack, den Vati auf meinem Schlitten festschnallte. In letzter Minute rettete ich noch ein paar Fotos, die mir am Herzen lagen. Den Rest unseres Gepäcks befestigten wir auf Vatis Fahrrad. So machten wir uns querfeldein auf den Weg nach Eckartsberge.

Der Schnee lag so hoch, dass er uns oben wieder in die Stiefelschäfte quoll. Stüpsel, der Dackel von Tante Manthey, der alleine wieder zum Haus zurückgelaufen war, jaulte, weil die Eisklumpen zwischen seinen Zehen ihn am Vorwärtskommen hinderten. Ich wollte ihn auf keinen Fall im Stich lassen und trug ihn eine Weile, bis Vati schimpfte: „Lass den Hund hier, es ist wichtiger, den Schlitten zu ziehen!“ Ich gehorchte schweren Herzens. Tränen liefen mir übers Gesicht, als ich Stüpsel im Schnee zurückbleiben sah, sein Kläffen immer leiser werden hörte.

Nach 15 Kilometern Fußmarsch erreichten wir erschöpft das nächste Dorf, dessen Bauern schon ihre Planwagen gepackt hatten. Auf einem der Wagen durften wir unsere Sachen ablegen und mitgehen. Mein Vater, der uns bis dahin begleitet hatte, musste den Weg nach Deutsch-Krone alleine zurücklaufen, um als ziviler Ersatzsoldat im Volkssturm die Heimat zu verteidigen. Am nächsten Morgen setzte der Treck sich Richtung Westen in Bewegung. Kleinkinder, Alte und Kranke durften abwechselnd für kurze Zeit auf einem der Wagen ausruhen. Als ich unterwegs hohes Fieber bekam, lag auch ich dort, über mir das Dröhnen der Flugzeuge, hinter uns das Brummen der russischen Panzer und in meinen Fieberträumen immerzu die Angst, meine Mutter zu verlieren.

Unsere Unterkünfte waren oft abenteuerlich: Eine Gastwirtschaft, eine Waschküche, eine Scheune, eine Kirche, eine Gefängniszelle boten uns Schutz für eine Nacht. Meine Mutter half abends nach 40 Kilometern Fußmarsch noch 14 Flüchtlingen das Quartier zu machen. Manche unserer Gastgeber hatten Angst um ihre Einrichtung. Kurze Zeit später trafen wir sie irgendwo auf der Landstraße wieder. Zu beiden Seiten der Straße lagen Leichen im Schnee, zusammengekrümmt, verhungert, erfroren. Sie zu begraben war keine Zeit. So ließen wir in sechs Wochen Fußmarsch bei Schnee und Eiseskälte 450 Kilometer und unsere verlorene Heimat hinter uns.