RoswithaNachdem wir uns von dem Bauern-Treck getrennt hatten, ging unsere Odyssee auf einem offenen Güterwaggon in Richtung Süden weiter. Wir hatten uns in einem kleinen Städtchen am Bodensee mit unseren Kölner Verwandten verabredet, die dorthin evakuiert worden waren. Welche Freude, sie wiederzufinden und von ihnen zu erfahren, dass Vati lebte und uns in Köln im zerbombten Hotel meiner Großmutter erwartete!

Auf unser Wiedersehen mussten wir jedoch noch einige Wochen warten, weil die Schienen für Züge nach Köln streckenweise zerstört waren. Endlich dort angekommen, war ich entsetzt über die vielen Ruinen in der Stadt und konnte ahnen, wie schrecklich die Bombardierungen gewesen sein mussten. Aus Deutsch-Krone kannte ich keine Bomben-Angriffe, hier spürte ich nachträglich noch beängstigend das Grauen der Verwüstung.

Wir kamen zunächst für einige Monate in der Wohnung von Onkel Jupp, einem von Muttis Brüdern, und seiner Familie unter. Onkel Jupp war Baumeister und zog aus ein paar Steinen, die er in den Ruinen sammelte, zwischen Küche und Bad schnell eine Mauer hoch. Leider war sie nur halbhoch. So hörten wir trotzdem jeden Pups aus dem Badezimmer, wenn Tante Frieda oder ihre Tochter Hildegard versuchten, leise ihr Geschäft zu erledigen.

Tagsüber verbrachte ich viel Zeit mit Käthe, wenn sie nicht ihrem Vater im Laden helfen musste. Zuerst ging ich sogar wieder zur Volksschule, weil die Kölner Oberschule durch Bomben zerstört war. Um den Anschluss an meine Klassenstufe zu bekommen, erhielt ich eine Zeit lang Nachhilfe in Französisch. Mit Bus und Bahn konnte ich schließlich in Köln-Merheim eine Oberschule besuchen.

Mein Vater musste nach Kriegsende wie alle Männer durch ein langwieriges Entnazifizierungsverfahren feststellen lassen, dass er kein Parteimitglied gewesen war, ehe er wieder in den Schuldienst eingestellt wurde und uns versorgen konnte. Nach Monaten endlich durfte er seinen Dienst wieder aufnehmen. Er war glücklich, als er eine Stelle an einer Schule in Bochum bekam, aber die Freude war nicht von Dauer: „Ich ziehe morgens ein weißes Hemd an und bis ich in der Schule bin, ist es fast schwarz. So dreckig ist die Luft. Hier bleiben wir nicht!“ Vati beantragte seine Versetzung innerhalb des Regierungsbezirks Arnsberg und wurde schließlich Lehrer in einem kleinen Dorf im Sauerland. So bezogen wir in Alme eine winzige Dienstwohnung unter dem Dach der alten Schule.