RoswithaEines Tages brachte ich ganz stolz einen Lederknoten, den ich auf der Straße gefunden hatte, mit nach Hause. Er gehörte zur schicken Uniform eines Jungmädels. Insgeheim beneidete ich sie und freute mich über meinen Schatz. Vati schimpfte: „Schick das Ding dem Baldur von Schirach und schreib ihm, er soll sich daran aufhängen!“ Ich verstand das nicht, aber mein geheimer Fund war plötzlich wertlos, schlecht und gefährlich. Wir warfen ihn in den Müll und sprachen nicht mehr darüber.

Manchmal gingen Vati und Mutti abends zum Kartenspielen zum Vikar und ließen mich allein. Ein Telefon hatten wir noch nicht. Vati erlaubte mir, vom Bett aus an die Wand von Tante Mantheys Wohnung zu klopfen. Wenn sie mir antwortete: „Sei still, Mäuserchen, sie kommen bald zurück“ und ihr Dackel Stüpsel bellte, war ich beruhigt und fühlte mich nicht ganz so verlassen.

Einmal half aber auch das nicht. Ich wachte mit Herzklopfen auf. Die leere Wohnung war zu unheimlich. Die Kommandantur gegenüber und die vielen Soldaten rundherum machten mir Angst. Kurzerhand ließ ich die Wohnung im Stich und lief mit nackten Füßen runter zu Tante Klemmchen. Ich klopfte laut: „Keiner ist da, ich bin alleine und hab solche Angst.“ Tante Klemm ließ mich unter ihre warme Bettdecke schlüpfen und legte meinen Eltern einen Zettel vor die Tür.

Tante Klemmchen hatte im Wohnzimmer einen kleinen Frisiersalon. Wenn sie mit dem Besenstiel an die Decke klopfte, wusste meine Mutter, dass sie sich die Haare ondulieren lassen konnte. Manchmal durfte ich sogar meine Puppe mit den echten Haaren zum Frisieren mitbringen. Tante Klemmchen erhitzte dann zwei Brennscheren über einem Spiritusöfchen und kniff mit ihnen geschickt sanfte Wellen in Muttis Haar. Als Dankeschön brachten wir ihr selbst gebackenen Käsekuchen mit.

Wenn das Wetter schön war, spielte ich mit den Nachbarskindern hinterm Haus im Hof. Nur mit den Kindern der Nazis durfte ich nicht sprechen. Meine große Freundin Anneliese und ich breiteten Decken auf der Wiese aus, und wir spielten mit unseren Puppen Vater, Mutter, Kind. Beim Treibball oder Brennball rannten wir mit den Jungen quer über den Hof bis zu den Wäschepfählen und zurück. Die Größeren halfen den Kleinen Fahrradfahren zu lernen. Wir hatten keine Stützräder und übten im Stehen auf den Rädern der Großen, bis wir merkten, dass uns längst keiner mehr festhielt und anschob und wir ganz alleine fahren konnten.

Oder wir spielten das Kreiselspiel auf dem Bürgersteig vor unserem Haus. Die Adolf-Hitler-Straße führte zwar zum Bahnhof, aber trotzdem kamen nur wenige Fußgänger bei uns vorbei. Die Kreisel tanzten auf dem Gehweg, und wir versetzten sie immer wieder mit der Peitsche in Schwung, bis sie trudelten und lahm im Rinnstein liegen blieben. Dann fing das Spiel von vorne an. Wir wechselten uns unermüdlich ab und vergaßen darüber die Zeit. Wenn ich Hunger bekam, rief ich unterm Küchenfenster: „Mutti, schmeißt du mir eine Stulle runter?“ Ihre Klappstullen aus Weißbrot mit Butter und Himbeermarmelade schmeckten herrlich.

Wenn ich an meine ersten Schuljahre zurückdenke, sehe ich die trauten Bilder unseres gemütlichen Wohnzimmers vor Augen: Mutti sitzt mit dem Rücken am warmen Kachelofen auf der Sessellehne und strickt, während sie mich Vokabeln abfragt, ich aale mich auf dem Teppich zu ihren Füßen.