RoswithaZwei Tage vor Heiligabend 1932 wurde ich in Deutsch-Krone, Pommern, geboren, eine Hausgeburt in der Adolf-Hitler-Straße. Ich war willkommen, geliebt und blieb das einzige Kind. Groß gefeiert wurde ich nie, niemand hatte so kurz vor Weihnachten Zeit. Jedes Jahr hörte ich zu meinem Geburtstag „Das Geschenk ist schon für Weihnachten mit“. Ich gewöhnte mich daran, nicht im Mittelpunkt zu stehen und keine Ansprüche zu stellen. Wir hatten andere Sorgen.

Wie viele in unserer Familie war Vati ein angesehener Volksschullehrer auf der Jungenschule, Mutti blieb zu Hause, einen Kindergarten brauchte ich nicht. Wir lebten in einem Mietshaus mit sechs Parteien. Neben uns wohnte Tante Manthey aus Polen, unter uns Tante Klemmchen mit ihrer Schwester. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand die Kommandantur – ein großes Gebäude, in dem die Nazis ein- und ausgingen.

Tante Ida, eine Cousine von Vati, und Onkel Leo wohnten ganz in der Nähe im Seeblick. Onkel Leo war pensionierter Lehrer und wackelte schon immer mit dem Kopf. Sie hatten vier Söhne, die später im Krieg fielen, Günther, der jüngste, zog oft als stolzer Bannerführer durch die Straßen von Deutsch-Krone. Mich machte das gleichzeitig stolz und ängstlich. Die ältere Tochter, Eva, lebte mit ihrem Mann Georg, einem Gutsverwalter, in Stranz auf dem Lande. Ursel, das jüngste Mädchen, war meine Sportlehrerin in den ersten Jahren der Oberschule.

Eva und Georg verkehrten freundschaftlich mit meinen Eltern und versorgten uns mit bäuerlichen Grundnahrungsmitteln. Vati war öfter mit einer Schulklasse dort zum Ernteeinsatz. Ich durfte manchmal zu Besuch mitkommen und freute mich besonders, wenn Georg uns mit dem großen Pferdeschlitten abholte. In warme Pelzdecken eingemummelt, glitten wir über den zugefrorenen See, kleine Eiskristalle an den Nasenlöchern. Abends hörte ich von meinem Bett aus die schwermütigen Gesänge der russischen Kriegsgefangenen, die auf dem Gut einquartiert waren. Ich verstand kein Wort, aber ich fühlte, dass sie von Sehnsucht nach der Heimat, Weite, Freiheit sangen.

Meine Eltern hatten oft Besuch von Nachbarn und Verwandten. Sie feierten gerne und erzählten viel. Wenn sie über Politik redeten, verstand ich, dass etwas Furchtbares geschah und dass alle, die davon wussten, in Angst und Schrecken lebten und sich möglichst unwissend verhielten. Die Gegner der Nazis, die sich weigerten, in die Partei einzutreten, wurden verfolgt und bestraft. Niemand traute sich, offen seine Meinung zu sagen, wenn er mit Fremden redete. Die Leute bespitzelten sich sogar gegenseitig.

Bei Kriegsbeginn war ich sechs Jahre alt. Noch heute sehe ich mich als kleines Döppchen im Bad hinter meinen Eltern stehen. Sie standen auf dem Klodeckel und sahen aus dem verdunkelten Fenster in den Himmel, was streng verboten war. Ich starrte auf die Hintern meiner Eltern, zitterte und hatte die Hosen voll. Die Flugzeuge zogen mit lautem Dröhnen über unser Haus Richtung Schneidemühl, um dort ihre Bomben abzuwerfen. Blitze durchzogen den Nachthimmel und jagten mir Angst ein. Wir blieben zum Glück verschont. Einen Luftschutzkeller gab es nicht.

Als der Krieg ausbrach, kam Tante Manthey oft zum Radiohören zu meinen Eltern. Mit dem Ohr am Apparat, hörten sie leise über den verbotenen englischen Geheimsender die neusten Meldungen über die politischen Entwicklungen. „Die Hunde, die verfluchtigen!“, schimpfte Tante Manthey dann lauthals, und mein Vater schärfte mir immer wieder ein, nichts von dem, was ich zu Hause hörte, draußen zu erzählen. Ich spürte die Angst meiner Eltern. Wenn es klingelte oder klopfte, befürchteten sie, abgeholt zu werden, weil Vati vielleicht in der Schule etwas gesagt hatte, was man nicht sagen durfte. Nicht in dieser Zeit. Die Welt draußen war gefährlich. Ich war arglos und ängstlich zugleich.