africa-17344_640Einer dieser diesigen Tage nach Mitte November, an denen Himmel und Luft in Grautönen ineinander übergehen. Ich versinke in meinem roten Sitzsack und spüre, wie sich Sitzkuhle und Rückenlehne wie von selbst weich und gleichmäßig formen und der samtige Cordstoff mich langsam mit angenehmer Wärme umhüllt. Gut, dass ich nicht den noch größeren Sitzsack mit Flokatibezug ausgewählt habe, denke ich. Den Schlafanzug und dicke Socken anzuziehen und mich mit meinem Lieblingsbuch vorläufig von der Welt abzumelden – dazu lädt diese Cocooning-Landschaft geradezu ein. Aber ich bin hier nicht zu Hause, sondern im Büro der Firma FatSak®, mitten im Industriegebiet von Grevenbroich. Genauer: im Sitzsackkreis des Büros.

Max Gansows lange Jungen-Beine ragen aus dem blauen Sitzsack mit Kopfrolle neben mir heraus. Ich fühle mich kurz in meine Schulzeit zurückversetzt: Im Zimmer meines besten Freundes wartete ich auf die ersten Töne seiner neusten Schallplatte, während ich im tropfenförmigen Sitzsack vergeblich eine einigermaßen dekorative Position einzunehmen versuchte. In dem mit kleinen Styroporkügelchen gefüllten Knautsch-Möbel, das irgendwann durch Abnutzung auch noch auslief und seinen Inhalt ins Zimmer verlor, war das ein ständiger Kampf, bis man schließlich wieder hochkam.

„Kaffee?“ Marco Heimann reißt mich aus meinen Gedanken, reicht mir einen dampfenden Becher und versinkt mir gegenüber im grünen Velourssitzsack. Beide in Jeans und Pullover, beide so jung, dass sie meine Söhne sein könnten, offen, zugewandt, sympathisch, Max Gansow eher der Wortführer, Marco Heimann der Zurückhaltendere. Ich genieße den Kaffee und möchte so schnell gar nicht mehr aufstehen. Der große Flokati- und der Kindersitzsack bleiben frei. Herr Gröpel, der Mitarbeiter, telefoniert leise an einem der drei Schreibtische, während Max Gansow das Wort ergreift.

„Wir freuen uns, im Buch dabei zu sein. Die Startup-Kultur hat sich in den letzten vier Jahren, seitdem wir mit FatSak® angefangen haben, stark entwickelt und wird so langsam auch in der öffentlichen Wahrnehmung ernst genommen“, beginnt er und Marco Heimann ergänzt zustimmend: „In den USA sieht man zu einem Unternehmer auf, in Deutschland wird man eher skeptisch angesehen, wenn man sich selbstständig macht.“

Beide kennen sich seit der 5. Klasse, nachdem Max Gansow mit seinen Eltern aus den USA in das kleine Dorf Neukirchen bei Grevenbroich zurückgekehrt war. Seitdem sind sie beste Freunde, vertrauen sich blind. Nach dem Abitur studierte Max Gansow in Maastricht Internationale Betriebswirtschaftslehre auf Englisch. „Mein Studium war speziell auf eine anschließende Selbstständigkeit zugeschnitten. Das problem-based learning in kleinen Lerngruppen hat mich sehr gut auf das Geschäftsleben vorbereitet. In der Schulzeit habe ich mit Marco schon gemeinsam Oberstufenpartys veranstaltet und für 18-Jährige konnten wir damit ganz gut verdienen“, lacht er. „Damals entstand der Wunsch, selbstständig zu werden. Und Marco …“ Er nickt ihm aufmunternd zu.

„Ich hab nach dem Abitur erst mal einen anderen Weg eingeschlagen“, übernimmt er. „Ich fing eine Ausbildung als Industriekaufmann an und studierte anschließend in Aachen Wirtschaftsingenieurwesen. Mit 15 war die Selbstständigkeit schon unser Ziel und wir waren uns einig, nach unserem Studium dafür mit neuen Ideen wieder zusammenzukommen.“

Max Gansow und Marco Heimann blieben nicht nur beste Freunde, sondern behielten ihr Vorhaben im Blick, tauschten Geschäftsideen aus, schrieben Businesspläne und verwarfen sie wieder. Für eine App, die sie entwickeln wollten, fehlte ihnen letztlich das technische Know-how. „Auch wenn die Idee sehr gut war und große Firmen inzwischen an der Umsetzung ähnlicher Produkte arbeiten, war uns das als erste Geschäftsidee zu waghalsig. Uns war immer wichtig, das Risiko abzuschätzen, und wir wollten als unerfahrene Unternehmer nicht von anderen kopiert und überholt werden“, erklärt Max Gansow. Sein Auslandssemester hatte er in Kapstadt verbracht und war dort in einer Shopping-Mall auf die Produkte von FatSak® gestoßen, die er aus Deutschland nicht kannte. „Ich hab da so coole Sitzsäcke gesehen“, erzählte er damals nebenbei seinem Freund per Skype. Auf der Suche nach der richtigen Geschäftsidee besuchten sie mehrere Messen. „Als wir über die Möbelmesse gelaufen sind, ist uns aufgefallen, dass das simpelste Business der Welt der Handel ist: Man kauft etwas zum Preis A ein und verkauft es zum Preis B und von der Marge dazwischen sollte man gut leben können. Viele Jungunternehmer arbeiten an den kompliziertesten Geschäftsideen oder setzen ihr Business so auf, dass ihre Persönlichkeit und ihr Know-how im Vordergrund stehen. Das ist richtig anstrengend, sich dauernd selbst zu verkaufen“, gibt er offen zu. „Wir fanden es einfacher, Produkte zu verkaufen.“

Auf der Messe sahen sie, dass es in Europa bereits etwa 20 Hersteller für Sitzsäcke gibt, und erinnerten sich an Südafrika. „Die ursprüngliche Tropfen-Form aus den 60er-Jahren wurde inzwischen von einer rechteckigen Form mit Nylon-Hülle abgelöst, aber alle sind mit Styropor-Kügelchen gefüllt“, erläutert Marco Heimann geduldig. „Diese bequemen, weichen und mit Schaumstoff-Flocken gefüllten Sitzsäcke aus Südafrika gab es auf dem ganzen europäischen Markt bis dato noch nicht.“

„Und ganz wichtig ist auch die Memory-Funktion: Die Füllung behält das Volumen über 10 oder 15 Jahre“, ergänzt Max Gansow. „Sie ist noch mal von einem Sitz-Innensack ummantelt und dann kann man sich aus der Kollektion den hochwertigen Bezug individuell auswählen – Cord-Velours, Flokati. Die Bezüge sind ebenfalls sehr langlebig und in der Waschmaschine waschbar.“

„Sogar den Flokati-Bezug kann man tatsächlich in der Waschmaschine waschen, wenn sie groß genug ist.“ Marco Heimann lächelt. Die beiden sind auch noch gute Verkäufer, denke ich und würde am liebsten sofort bestellen. Ein LKW fährt vor und bringt neue Bezüge. Herr Gröpel nimmt die Lieferung an. Wir bleiben sitzen.

Nach dem Besuch der Möbelmesse recherchierten sie, dass in den USA die weichen Schaumstoff-Sitzsäcke dem Cocooning-Trend in der Möbelbranche entsprachen und bereits sehr erfolgreich auf dem Markt waren. Die Nachfrage nach Sitzmöbeln, die nicht nur schön aussahen, sondern auch komfortabel waren, stieg. Sie hatten einen Trend entdeckt, die Gewissheit, dass das Produkt in den USA bereits gut funktionierte und eine Marktlücke für Europa gefunden. Kurzerhand beschlossen sie, den südafrikanischen Hersteller zu fragen, ob sie seine Produkte auf dem europäischen Markt vertreiben dürften. 2010 gründeten sie eine GbR und riefen Ryan Buda über Skype in Südafrika an. „Da kommt es darauf an, sich bereits im Vorfeld intensiv Gedanken über die Vorstellungen des Unternehmers in Südafrika zu machen“, verrät Max Gansow. „Man muss das am Telefon so verkaufen, dass man eine Chance hat, wirklich mitzumachen. Durch meinen Aufenthalt im Land konnte ich Größe und Status des Unternehmens und die Erwartungen des Unternehmers sehr gut einschätzen.“ Noch ohne eigene Referenzen überzeugten sie allein durch die Präsentation ihres Könnens: Marketing. „Wir bringen unser Wissen in deine Firma mit ein, bauen dir einen neuen Online-Shop und du verkaufst deine Sitzsäcke auch auf dem deutschen Markt.“ Das war ihr Angebot. Und Ryan Buda überwand seine anfängliche Skepsis und willigte ein.

Max Gansow und Marco Heimann konnten nicht nur bei der Qualität der Produkte auf fünf Jahre Entwicklungs-Know-how aus Südafrika zurückgreifen, sondern setzten auf den Trend zu Exotik und Nachhaltigkeit. Ryan Buda wurde nicht nur Geschäftspartner, sondern auch Ratgeber und Freund. „Wir hatten sofort ein fertiges Produkt und konnten ihn jederzeit anrufen und fragen: Was hast du in der Situation gemacht?“ Sie bestellten die ersten Sitzsäcke und verkleinerten das angenähte Din-A4-große Firmenlogo auf ein marketingtaugliches Maß. Anfangs lagerten sie die Sitzsäcke in ihren Elternhäusern, bis sie das erste Büro und ein kleines Lager mieten konnten.

„Wir wurden auf ein Kindercasting aufmerksam und fragten einfach, ob wir dafür ein paar Sitzsäcke vorbeibringen könnten. Dort bot uns jemand an, auf der internationalen Kölner Messe Kind und Jugend einen Stand zum Relaxen für die Besucher auszustatten. So sind wir zu unserem ersten kostenfreien Messestand gekommen und ab da merkten wir, dass das Ganze Potenzial hat“, erzählt Marco Heimann begeistert. „Wir haben heute noch einen Ordner voller Kontakte von Dubai bis Kanada, die unsere Produkte super fanden. Das war der große Anstoß, um ins Volle zu gehen.“

Beide kümmerten sich nur noch um den Aufbau des Unternehmens. Wegen der langen Lieferzeiten aus Südafrika und der hohen Logistikkosten suchten sie gemeinsam mit Ryan Buda in Deutschland jemanden, der den Produktionsprozess der Schaumstoffbefüllung übernehmen kann. Die Stoffe kaufen sie selbst und lassen die Bezüge in einer Näherei in Deutschland nähen. „Die Styroporkugeln schneiden bei Tests regelmäßig schlecht ab. Unsere Schaumstoff-Materialien sind sogar für Babys geeignet. Wir haben das Zertifikat Textiles Vertrauen, das die Qualität untermauert.“ Marco Heimann lächelt stolz. Die Sitzsäcke werden vakuumverpackt in einer Art Schlafsackrolle versandt und entfalten ihr volles Volumen erst beim Kunden, der nur noch den Bezug seiner Wahl darüberziehen muss.

Inzwischen teilen sich die drei gleichberechtigten Geschäftsführer Max Gansow, Marco Heimann und Ryan Buda beide Firmen zu einem Drittel, wobei das Potenzial auf dem europäischen Markt wesentlich größer als in Südafrika ist. Max Gansow: „Dafür war die Schwelle hier wesentlich höher, wirklich in den Möbelmarkt reinzukommen. Wir mussten hier deutlich stärker investieren und denken, dass es ein sehr faires Abkommen ist. Dadurch, dass wir am Anfang erst mal gezeigt haben, was wir einbringen können, ohne gleich auf Verträgen zu bestehen, haben wir Ryans Vertrauen gewonnen. Ich war gerade zwei Wochen in Südafrika bei ihm, wir sind mit der Zeit enge Freunde geworden. Rein theoretisch könnten wir Ryan mit einer Mehrheitsentscheidung überstimmen, um hier für die Firma Dinge in die richtige Richtung bewegen zu können, aber wir verfolgen alle die gleichen Ziele.“

Wie alt sie damals waren, als sie in Südafrika den Marktführer für Sitzsäcke anriefen? „23“, antworten beide wie aus einem Mund und lachen. Das war vor vier Jahren. „Wir waren jung, hatten eine ordentliche Dosis Selbstbewusstsein und das zu Recht“, fährt Max Gansow fort. „Ich hatte sicherlich mehr Ahnung von Internet, E-Commerce, Online-Shops, Marketing als viele Marketingchefs bei deutschen Möbelmarken. E-Commerce war für uns der Türöffner.“

„In der Zeit hatten die ersten Online-Shops mit Produkten Erfolg“, übernimmt Marco Heimann. „Wir haben das einfach mal probiert. Am Anfang habe ich Max gefragt: Hast du hier wieder eine Testbestellung aus Buxtehude abgegeben? Aber das war ein echter Kunde! Inzwischen verkaufen sich die Sitzsäcke natürlich auch über Empfehlung.“

„Wir haben am Anfang zwei, drei Musterprodukte hierher schicken lassen und Fotos gemacht. Marco musste sich die Programmierung des Shops selbst beibringen und nach zwei Monaten konnten wir online gehen. Dann kamen bald die ersten Bestellungen. Wir riefen in Südafrika an und baten darum, eine Palette zu schicken“, erklärt Max Gansow.

„Ja, wir sind persönlich nach Rotterdam zum Hafen gefahren und haben die Palette abgeholt“, wirft Marco Heimann ein.

„Genau, beim nächsten Mal war der kleine Container schon fast voll und wurde morgens um sechs Uhr bei meinen Eltern vor der Garage angeliefert. Wirklich hier?, fragte der LKW-Fahrer ungläubig. Jeder freie Platz – die Schlafzimmer, die Doppelgarage – alles war voll mit Sitzsäcken.“

Nach den ersten 12 Monaten, in denen sie ausschließlich über den Online-Shop verkauften, begann ihre schwierigste Phase als Unternehmer. Marco Heimann erläutert: „In Tausenden von Kaltakquise-Telefonaten boten wir Möbelhäusern unsere Produkte an, aber beim Thema Sitzsack legten sie sofort wieder auf. In der Branche ist es ohne Netzwerk schwer, Fuß zu fassen.“

„Unsere Stärke ist unser Durchhaltevermögen. Es hilft, dass wir zu zweit sind. Wenn einer von uns mal den Kopf hängen lässt, kann der andere ihn motivieren. Auf dem Weg zur Kind und Jugend Messe haben wir uns gesagt: Wenn jetzt keine starke Resonanz kommt, lassen wir es. Und die Resonanz war überwältigend. Marco hat sein Studium aufgegeben und wir haben uns ein Büro mit Lager gemietet und beide Vollzeit an unseren Ideen gearbeitet. Die größte Schwelle war der Möbelhandel. Dafür brauchten wir die Leute mit 30 Jahren Möbelerfahrung und persönlichen Kontakten“, resümmiert Max Gansow. Bereits auf der ersten Messe in Köln hatten sie einen Handelsvertreter kennen gelernt, der von ihren Sitzsäcken begeistert war. Eineinhalb Jahr später boten sie ihm ihre Produkte für seine Agentur an. Seitdem besucht er für sie die Einkäufer der Möbelhäuser, um die Sitzsäcke vor Ort zu präsentieren. Innerhalb weniger Monate zeigten 30 Möbelhäuser in ganz Deutschland Interesse, heute sind sie bereits in 120 Möbelhäusern vertreten. „Mittlerweise kennt man uns in der Branche, wir sind im Handel präsent und die Leute kommen auf uns zu. Das Blatt hat sich gewendet“, freut sich Marco Heimann mit schelmischem Blick.

Ihre Vorgehensweise im Marketing – intuitiv, kostengünstig, persönlich. 2013 besuchten sie 13 Messen, ein Sitzsack-Wanderzirkus on Tour. „Wir haben mehrmals umsonst Flächen auf Messen gestellt bekommen und erhielten dort im Kontakt zu Kunden direktes Feedback. Da nimmt man viele Ideen mit.“

„Das war wahnsinnig anstrengend, aber es ist sehr viel Schwung reingekommen. So haben wir die Schwelle geschafft, in den Markt wirklich reinzukommen. Ein Jahr voll durchzupowern hat sich ausgezahlt“, berichten sie.

2014 holten sie Mitarbeiter zur Entlastung und Abwicklung der Aufträge dazu, erstellten Systeme und Businesspläne und dachten darüber nach, in welche Richtung sie die Marke in den nächsten fünf oder zehn Jahren entwickeln wollen. Sie arbeiten mehr am als im Unternehmen. Seit 12 Monaten weiten sie den Möbelhandel in die Benelux-Länder aus, Frankreich und weitere Länder stehen 2015 im Fokus. Fortlaufend arbeiten sie an der Qualität der Produkte, um sich vor Nachahmern und Kopien zu schützen.

„Einen Kredit von der Bank bekommt man als junger Unternehmer mit unserem Produkt nicht ohne Weiteres. Da deckt sich die Realität nicht mit der Werbung, die Banken für sich machen“, bemängelt Marco Heimann. Inzwischen lernten sie mithilfe eines Beraters, wie man bankengerecht kommuniziert und mit gemäßigten Wachstumszielen Vertrauen schafft. „Wir scheuen uns nicht, auf die Erfahrung anderer zurückzugreifen und sie bei Bedarf zu konsultieren.“ Große Visionen haben sie trotzdem. Max Gansow ergänzt: „Was wir rückblickend richtig gemacht haben: Wir haben einfach angefangen, ein paar Sitzsäcke vom Gehalt unserer Nebenjobs bestellt und losgelegt. Die wollten wir natürlich über unsern Online-Shop auch wieder verkaufen. Die meisten Leute scheitern daran, dass sie ewig zögern und nur ihre Idee perfektionieren. Wir hatten immer im Kopf, dass ein Unternehmen unbedingt einen Kredit braucht. Bis heute haben wir das auch ohne Kredit geschafft. Die Konditionen sind für uns heute als weiterentwickeltes Unternehmen nicht mehr so interessant. Wir pitchen jetzt lieber bei privaten Investoren, die in interessante und innovative Geschäftsideen investieren wollen, um unsere Liquidität zu sichern.“ Dass es sehr schwer ist für Unternehmer mit neuartigen Geschäftsideen, darüber sind sie sich im Klaren. Banken finanzieren lieber Geschäftsmodelle, die bereits bewiesen sind. „Vielen Unternehmen entgeht so von Anfang an die Chance auf einen fairen Start“, meint Max Gansow.

„Wir haben einfach nach dem Prinzip Trial and Error angefangen und sicher viele Fehler gemacht. Inzwischen haben wir gelernt nur noch mit Menschen zu arbeiten, bei denen wir das perfekte Bauchgefühl haben“, gibt Marco Heimann offen zu. „Fällt dir dazu noch etwas ein?“, übergibt er das Wort an seinen Freund.

„Wir haben eigentlich jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Alles, was wir heute können, ist darauf zurückzuführen, dass wir den Fehler gemacht haben. Learning by doing. Am meisten mussten wir daran arbeiten, mit unserem großen Optimismus und unserer Gutgläubigkeit nicht auf die falschen Leute hereinzufallen, die das in sie gesetzte Vertrauen missbrauchen, einen absichtlich hintergehen und nur schamlos ausnutzen. Das passt nicht in mein Menschenbild. Leider ist das nicht nur einmal passiert. Wir achten jetzt mehr darauf, uns mit Verträgen abzusichern und nicht auf Freundschaft allein zu bauen.“

Durchhaltevermögen steht für sie auf Platz Eins der Eigenschaften eines guten Unternehmers. Darin haben sich beide immer gegenseitig neu unterstützt, motiviert und aufgebaut. Die zweitwichtigste Eigenschaft: Selbstbewusstsein, gepaart mit Herzblut für die eigene Geschäftsidee. „Man muss es wirklich lieben und es muss Spaß machen. Und manchmal muss man auch raus und sich mal einen Tag zum Ausruhen gönnen. Wir haben immer die Marke in den Vordergrund gestellt und uns zurückgenommen. Als Unternehmer denken wir komplett anders als ein Selbstständiger. Unser Ziel ist es, Prozesse zu erstellen, die sich verselbstständigen und selbstständig Sitzsäcke verkaufen. Während wir hier sitzen, machen wir irgendwo Umsatz, den Herr Gröpel oder unsere Aushilfskraft bearbeitet. Genauso wie unser Partner in Südafrika haben wir mit dem täglichen Geschäft gar nichts zu tun.“

„Wir verfolgen den Ansatz, mit möglichst wenig Personal das Maximum zu erreichen“, sagt Marco Heimann. „Im nächsten Jahr werden wir wieder mehr Personal anbauen, um ins Ausland zu expandieren, damit wir uns als Unternehmer stärker zurücknehmen können. Wir behalten die Prozesse im Unternehmen im Auge, suchen Lösungen zur effektiven Gestaltung von Standards und optimieren so permanent die Abläufe. Die ersten Rechnungen und Paketscheine haben wir noch zu Hause in der Garage per Hand geschrieben. Da sind wir in den letzten Jahren deutlich effektiver geworden“, lacht er.

„Als Unternehmer muss man einen Schritt zurücktreten können, um die Marke oder das Unternehmen von außen zu betrachten. Wir schreiben immer noch für uns intern Roadmaps, um Entwicklungsziele zu definieren und sie peu à peu abhaken zu können. Realistische und motivierende Ziele setzen und erreichen, das ist das A und O“, erklärt Max Gansow. Die Firma profitabel machen, den Umsatz erhöhen und die Marke im Möbelmarkt durchsetzen – das haben sie sich für 2014 vorgenommen und auch erreicht. „Langfristig haben wir zu dritt die Vision, mit FatSak® der größte Sitzsackhersteller der Welt zu werden. Lass es 20 Jahre dauern – der Vorteil ist, dass wir jung angefangen haben.“

„Wir haben nie aufgehört daran zu glauben. Gut, dass wir zu zweit sind, so behalten wir immer den Kopf oben“, schließt Marco Heimann.

Der Preis des Erfolgs? „Der liegt im sozialen Umfeld. Man macht 12 Stunden am Tag etwas, was keiner versteht. Erklären Sie das mal ihren Eltern und Freunden, warum Sie keinen sicheren Job annehmen und Unternehmen und Leben sich permanent durchdringen. Trotz jeglicher Skepsis hat meine Mutter uns immer unterstützt und den Rücken freigehalten. Sie hätte uns aufgefangen, wenn es finanziell komplett schiefgelaufen wäre. Das hat uns sehr ermutigt, sogar nach einer Insolvenz immer wieder aufzustehen.“ Max Gansow hält die Situation der Unternehmer in Deutschland für wesentlich schwieriger als in den USA: „In Amerika sind Unternehmer die Top-Stars. Wenn man das Geld der Investoren verliert, zahlt man es nicht zurück und kommt schneller wieder auf die Füße. Hier in Deutschland fällt man hart.“

„In den USA würde man sagen: Super-Idee, Kopf hoch, beim nächsten Mal klappt es. In Deutschland kommt noch die besserwisserische Schadenfreude über das große Scheitern dazu: Das hab ich doch gleich gesagt, dass daraus nichts wird“, ergänzt Marco Heimann kritisch. „Aber das Leben ist ja mit einer Insolvenz nicht zu Ende. Das heißt nicht, dass man alles falsch gemacht hat. Genau davor, sozial gebrandmarkt zu werden, herrscht aber hier in Deutschland Angst.“

„Es ist wichtig, direkt auf Augenhöhe zu agieren, um Geschäfte zu machen. Wir haben uns damals immer die Angst vor der etablierten Erbengeneration im Business genommen und gewitzelt, dass wir zusammen auch über 50 sind. Die meisten haben unsere Geschäftsidee nicht richtig verstanden und uns davon abgeraten.“

Max Gansow würde heute Gründer dazu ermutigen, einfach anzufangen, vorsichtig zu investieren und es zu versuchen: „Es wird sich herausstellen, ob die Geschäftsidee gut ist. Vielleicht findest du auch, während du daran arbeitest, eine andere Idee. Nur die wenigen Glücklichen können aus ihrer ersten Geschäftsidee heraus ein Unternehmen gründen, an dem sie mehr als zehn Jahre arbeiten. Ich hoffe, wir werden dazugehören. Ein bisschen Glück braucht man allerdings immer. Und Glück hat man nur, wenn man sich etwas traut.“

Das Telefon klingelt. Wir gehen nach nebenan ins Lager. Auf 200 Quadratmetern stapeln sich vakuumverpackte Sitzsackrollen und vorbereitete Pakete mit Bezügen, die von hier aus mit DHL preiswert durch ganz Europa verschickt werden. Die Rücklaufquote der Bestellungen ist mit einem Prozent extrem niedrig. Ein Grill für gemeinsame Sommerabende steht neben der Tür. „Der Grill ist von einer Messe. Wir lieben Gegengeschäfte. Von RTL lassen wir z.B. im Frühstücksfernsehen einen Sitzsack verlosen und sind dafür im Fernsehen präsent“, erzählt Marco Heimann, während Max Gansow die gelieferten Bezüge prüft. „Stoff und Nähqualität müssen stimmen, alles tipptopp.“ Max Gansow streicht mit der Hand über den feinen Velours und testet den Reißverschluss. Marco Heimann wirft einen Blick darauf: „Ich bin noch nicht ganz zufrieden. Darüber müssen wir nachher noch mal reden.“

Ich verabschiede mich. Der Himmel hat sich etwas aufgeklart. Es ist heller geworden. Über dem Haus zieht eine Schar Zugvögel gemeinsam Richtung Süden.