leseprobe2Wir treffen uns im Schloss, ihrem neuen Refugium. „Was machen Sie denn im Schloss? Sind Sie die Schlossherrin?“, wurde sie neulich nach einem Vortrag gefragt. „Nein, ich organisiere die Kundenbetreuung für die Kochschule und sitze im Keller“, musste sie einräumen. Und sie ist Coach. Für die Kochschule in der Stadt führte sie eine Teamentwicklungsmaßnahme durch und bot kurzerhand an mitzukommen, als der Umzug ins Schloss bevorstand. Wir steigen vom Keller in ihren Coachingraum hoch und ich ignoriere, dass sie mich siezt, obwohl wir schon beim Du waren.

Groß und stattlich ist ihre Erscheinung, die halblangen dunkelblonden Haare trägt sie heute streng zurückgegelt und im Nacken geknotet. Eine weiche Strähne hat sich sanft aus dem ordentlichen Gefüge gelöst. Soft and strong. „Ich finde es unanständig, so viel Raum einzunehmen für meine eigenen Themen. Ich bin nicht daran gewöhnt, so viel aus meinem Leben zu erzählen. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht“, sagt sie.

Der Raum bietet genügend Platz für zwei bequeme braune Ledersessel, ein Tischchen, Kaffeemaschine und Spüle, helle Bücherregale und ein Flipchart, der Teppich ist grasgrün. Den Kaffee trinkt sie schwarz, auch wenn ihr das nicht schmeckt. Kein Milcheiweiß, wenig Kohlenhydrate. Sie entgiftet, um mehr Energie zu gewinnen.

Als junges Mädchen nach dem Abitur hörte sie von einer Freundin, die sich bei der Lufthansa als Stewardess bewarb. Sie spürte immer schon Fernweh, Lust auf Abenteuer, Neugierde, hungerte sich zehn Kilos leichter und bewarb sich. Sie wurde genommen, die Freundin nicht. „Ich hab viel von der Welt gesehen und fand das toll, bis es mir nach ein paar Jahren zu oberflächlich und langweilig wurde“, erinnert sie sich. Als sie in Berlin einen wesentlich älteren Freund hatte, Soziologe, Intellektueller, motivierte er sie zu studieren. Sie entschied sich für BWL an einer Fernuniversität mit Schwerpunkt Personal und Marketing. Am Kennenlernabend traf sie ihren späteren Mann. „BWL hat mir gefallen, weil ich gut in Mathe bin, ich wollte etwas, was mit Analytik und Logik zu tun hat. Auf der anderen Seite hab ich ein unglaubliches Gespür für Stimmungen und Atmosphäre und direkt Ideen zur Verbesserung. Ich hatte schon immer gerne mit Menschen zu tun und war mit einer hohen Dienstleistungsorientierung unterwegs. Meine Passagiere haben sich bei mir immer wohl gefühlt.“

Im Laufe des Studiums wechselte sie zum Bodenpersonal am Flughafen. Obwohl sie innerhalb des Konzerns wechselte, erhielt sie nur einen befristeten Vertrag – „… eigentlich auch eine Unverschämtheit. Da fing das Problem schon an.“  In der Gepäckermittlung erhielt sie die Chance auf eine unbefristete Anstellung und zögerte nicht lange. „Da wollte keiner hin, das war auch im Keller. Den ganzen Tag kamen unzufriedene Gäste, um sich zu beschweren, der Koffer ist kaputt, die Messeunterlagen sind weg. Das hatte sehr viel mit Krisenmanagement zu tun. Da haben sich ja teilweise Dramen abgespielt. Das wollte keiner freiwillig machen.“

Krisensituationen zu glätten sieht sie als Herausforderung. Entscheidungen trifft sie schnell. Zermürbt hat es sie dennoch, was sie sich lange nicht eingestehen konnte. Mit 26 kam die erste Tochter, mit 30 die zweite. Da nahm sie hochschwanger am 10-jährigen Abiturtreffen teil und traf etliche, die noch nie gearbeitet und ihr Studium noch nicht beendet hatten. Sie besaß bereits 10 Jahre Berufserfahrung, war mit dem zweiten Kind schwanger und fast mit dem Studium fertig. „Einerseits war ich stolz auf mich, andererseits dachte ich, bist du eigentlich bescheuert, so viel Energie zu verbrauchen? Das hat mich sehr viel Kraft gekostet.“

Nach dem Studium wurde sie ins Customer Relationship befördert, langweilte sich aber furchtbar im Job. Um sie herum Kollegen, die unter zu viel Arbeit stöhnten, während sie darauf wartete, dass es endlich losging und um 13 Uhr mit der Arbeit für den ganzen Tag fertig war. Als ihr Mann eine neue Stelle fand und sie in Teilzeit gehen wollte, signalisierte die Firma, dass man keine Präzedenzfälle schaffen wollte, nach der Elternzeit gab man ihr zu verstehen, dass Stellen abgebaut würden und Mütter wohl zuerst gehen könnten. Die Kollegen schwiegen und die Kränkung saß tief. „Ich war 14 Jahre bei der Firma, in dem Jahr bekamen sie den Preis für das familienfreundlichste Unternehmen.“

Sie nahm Kontakt zu einem Headhunter auf, der sofort auflegte, als das Wort „Elternzeit“ fiel. Als hätte sie sich nicht vorher Gedanken darüber gemacht, wie sie mit zwei kleinen Kindern arbeiten könnte, und auch dafür eine Lösung gefunden! „Einen Mann würde er das sicher nicht fragen“, empört sie sich.

Den nächsten Job fand sie auch ohne Headhunter und kam vom Regen in die Traufe. Hier gab es nicht zu wenig, sondern zu viel zu tun. In einem Monat wurden 150 Leute eingestellt, sie baute die telefonische Kundenbetreuung mit auf, stand wieder im Zentrum täglicher Krisen, erläuterte Rechnungen, beantwortete technische Fragen, ging jedem Verdacht auf Betrug nach, beruhigte dort, wo Gespräche eskalierten, coachte ihr Team: „Das war ein Irrenhaus, so anstrengend. Ich war meistens im Frühdienst, mit 25 Leuten im Raucherbüro, dazu 1000 Tassen Kaffee, und ich bin zitternd aus dem Büro gegangen.“ Guten Wind in der Zentrale zu machen, zu Meetings zu gehen und ihr Team in der Zeit im Stich zu lassen, das kam ihr nicht in den Sinn. Das taten andere, die dafür befördert wurden. Zweieinhalb Jahre hat sie durchgehalten. Kurz vorm Burnout kam sie in ein Coachingprogramm und hörte dort: „Bei Ihrem Engagement müssen Sie sich entweder schützen oder den Job wechseln.“

Lange genug hatte sie die Suppe anderer ausgelöffelt, fremde Brände gelöscht. Jetzt wollte sie auch verkaufen. Etwas Neues wagen. „Wir suchen das Schwungrad der Niederlassung“, warb ihr nächster Arbeitgeber und Charlotte Holler war zur Stelle. Als Niederlassungsleiterin mit Mitarbeitern Projekte in der Zeitarbeit umsetzen – das war ihre Idee. Zwei Firmen fusionierten, ein Kleinkrieg, bevor sie anfing, hatte schon dreimal ihr Chef gewechselt. Man schlug ihr vor, als Trainee wieder ganz unten anzufangen und sie kämpfte für die Einhaltung ihres Arbeitsvertrags. Schließlich bekam sie die Niederlassung und setzte sich hartnäckig für Aufträge ein: Als sie einem Kunden androhte, sich vor sein Werkstor zu ketten, erhielt sie den Zuschlag und musste ad hoc 20 ungelernte Hilfskräfte einstellen. Die Hälfte erschien nicht. Wahrscheinlich Sabotage, vermutet sie. Fünf Jahre blieb sie, in der Zeit ging ihre Ehe in die Brüche. „Da hab ich so richtig danebengegriffen. Mit 40 habe ich dann den Punkt erreicht zu sagen, sucht euch einen anderen Clown für diesen Zirkus. Ich mach das nicht mehr mit. Dann hab ich mich selbstständig gemacht.“

Zwanzig Jahre lang hatte sie sich in Konzernen aufgerieben, ihre ganze Energie in Dinge investiert, hinter denen sie nicht immer stehen konnte, gekämpft, alles eisern durchgezogen. Das kostete Kraft. Das konnte nicht so weitergehen bis 65. Alleinerziehend wagte sie, mit etwas Übergangsgeld ausgestattet, den Ausstieg, und machte ihre erste Coachingausbildung, der weitere folgen sollten. Jeder prophezeite ihr, dass es drei Jahre dauern würde, bis sie von ihrer Selbstständigkeit leben könnte, sie dachte sich, das müsste schneller zu bewerkstelligen sein, und nahm sich vor, es noch mal allen zu zeigen. Und es ging schneller. Mutig und offensiv bot sie sich bei Messen und Veranstaltungen als Coach an und konnte im ersten Jahr bereits Steuern zahlen.

Sieben Jahre lang ging es als Subunternehmerin von Outplacementfirmen wieder aufwärts. Sie verdiente viel und dachte, so ginge es immer weiter. Und etwas in ihr trieb sie noch weiter, noch höher. Sie wollte mehr Freiheit, Unternehmerin sein, ihr Angebot breiter aufstellen, mit Partnern auf Augenhöhe kooperieren, eigene Ideen umsetzen. Für die Vision vom Hof auf dem Land reichte es nicht, den Traum bewahrt sie sich fürs Alter. Sie verkaufte ihr Haus, löste Versicherungen auf und investierte alles in die Gründung ihres Unternehmens, eines Coachingzentrums. Und scheiterte.

„Mein Fehler war, dass ich zu viel wollte, zu groß geplant habe“, resümiert sie im Rückblick. „Ich hätte kleiner anfangen, sukzessive mit Kollegen, die partnerschaftlich mitinvestieren, etwas aufbauen sollen. Aber dafür war ich vielleicht zu dominant, es musste so laufen, wie ich das will. Natürlich sind dann Leute abgesprungen. Da hab ich verbrannte Erde hinterlassen. Ich hab mich wirklich verspekuliert. Als ich letztes Jahr da raus bin, hab ich nur noch geheult und war völlig verzweifelt.“ Die Hauptlast der Kosten trug sie allein, die Aufträge brachten zu wenig ein, nach eineinhalb Jahren versuchte sie sich zu verkleinern, aber auch das half auf Dauer nicht. Die Mietkosten waren zu hoch.

Dazu kam die familiäre Sorge, eine Tochter musste mehrmals operiert werden, eine kam im Studium schwanger zu ihr zurück. Tägliche Besuche im Krankenhaus einerseits und die Unterstützung dabei, eine lebensbejahende Entscheidung zu treffen, andererseits – das bindet emotionale Kraft: „Ich möchte mal die sehen, die dann voll im Business weitermachen als Selbstständige. Da kann man nicht strahlend akquirieren gehen.“ Sie schweigt und kämpft mit den aufsteigenden Tränen. Charlotte Holler ist eine Frau, die es gewöhnt ist zu kämpfen. Und doch sehnt sie sich wie jede Frau danach, sich auch mal anlehnen, kurz ausruhen, mittragen lassen zu dürfen. Wenn der Neid auf die „Tussis“ in ihr aufsteigt, sie denkt dabei an Frauen, die gut versorgt, mit Perlenkette behängt, vom Mann verwöhnt, noch nie im Leben gearbeitet haben, dann tröstet sie sich mit dem Gedanken, dass deren Krisen beginnen, wenn der Mann sie gegen eine Jüngere austauscht und sie feststellen müssen, dass sie noch nie etwas geleistet haben. Und das ist doch auch nicht beneidenswert. „Ich hab mir immer gesagt, ich bin eh zu schwer, mich kann eh keiner über die Schwelle tragen.“ Sie will es alleine schaffen.

Ihre Aufs und Abs hat sie mit kräftigen Schritten voll durchmessen, zwischen Flugzeug und Keller, zwischen Größenwahn und Absturz, äußere und innere Räume abgesteckt. Jetzt verbindet sie beides miteinander, im Schloss und im Keller und in sich.

Jetzt ist sie 50, schwankt zwischen Selbstabwertung und neu aufkeimender Hoffnung. Der nachlassenden Energie steuert sie mit geistiger Reife entgegen. Manchmal ist sie versucht aufzugeben. „Dann beantrage ich jetzt Hartz IV, bleib hier in meinem Coachingraum, eine Dusche ist ja da, das kann ich mir gerade leisten und dann arbeite ich ehrenamtlich. Jeder, der dann zu mir zum Coaching kommt, kann ja etwas zum Essen mitbringen. Dann ist dieser Kampf wenigstens vorbei.“

Aber sie hat schon wieder einige Bälle in der Luft, arbeitet für kleines Geld in Teilzeit, um versichert zu sein, bietet Coachings an, ist bei einem Bildungsträger für einen niedrigen Stundensatz Potenzialberaterin. Und drückt beide Augen zu, wenn sie spürt, wie viel Kraft es sie kostet, die Bälle gleichzeitig in der Luft und im Rhythmus zu halten, wenn sie sieht, dass die Dinge zu wenig abwerfen, um sie aus ihrer wirtschaftlichen Misere zu holen. Manchmal hat sie Sorge, ihr Ziel zu verlieren, verwirrt zu sein. Sie wirft sich vor, für wenig Geld zu arbeiten: „Hauptsache man macht etwas, damit man auch nach draußen sagen kann, guck mal, ich mach aber doch was, auch meinen Eltern gegenüber. Anstatt nein zu sagen. Es kostet zu viel Kraft und bringt mich nicht nach vorne.“

Von Akquisitionsgesprächen hängt jetzt viel mehr ab als früher, ihre Existenz, Zukunft, die Jahre im Alter, jetzt kommt es nicht mehr nur auf den richtigen Hosenanzug und Willenskraft an, jetzt gilt es, die inneren Selbstvorwürfe nicht nach außen strahlen zu lassen, eine königliche Haltung im Elend wiederzufinden. Wie macht man das, ohne aufgesetztes Pokerface, mit der Sehnsucht nach Autonomie und umfassendem Menschsein?

Immer noch leben in ihr Trotz und Hoffnung, es allen zu zeigen. Eine Vision von Solidarität und gemeinsamer Arbeit im Alter, in schöner Gemeinschaft, in der jeder beiträgt, was er kann, sich alle gegenseitig unterstützen, die sie bereits früher als starke Tragkraft erleben konnte, als sie in der Kommunalpolitik Frauen für die Ganztagsbetreuung ihrer Kinder gewann, schwebt ihr als fernes Zukunftsziel vor Augen. Der schöne Ort, die gute Rückmeldung ihrer Kunden, die Arbeit für Frauen im Management – sie versteht es, den Blick auf das zu richten, was ihr wieder Kraft gibt. Sie ist stolz auf ihre Töchter. Vielleicht würde sie die meisten Entscheidungen wieder treffen, vermutlich würde sie versuchen, die Gegensätze in sich früher zu versöhnen, Dominanz und Stärke mit Empathie und feinsinnigem Gespür zu verbinden, und so andere Firmen, andere Kunden und Partner anzuziehen. „Ich hab zu oft am Gras gezogen oder bin draufgetreten. Davon wächst es auch nicht schneller. Vielleicht liegt deshalb dieser grüne Teppich hier im Coachingraum, um mich daran zu erinnern, dass alles seine Zeit braucht.“

Dass die Arbeit für Menschen in unserer Gesellschaft so wenig geschätzt und unterbezahlt wird, findet sie unerhört – für sich selbst und für alle in pflegenden, erziehenden und menschlich unterstützenden Berufen, Arbeit, die häufig von Frauen geschultert wird: „Die einen haben einen Job und halten daran fest, sie kämpfen am Rande des Burnouts von einer Kur zur nächsten und reißen sich dauernd zusammen, die anderen haben nichts und versuchen sich selbstständig zu machen. Alle wollen Coach werden.“ Und sie appelliert: „Leute, überlegt doch mal, was ihr aus euren Berufen mitbringt. Vielleicht können wir mit mehreren Frauen noch mal ein Unternehmen machen, wo wir unsere eigentlichen Stärken einbringen, Einkauf, Marketing, wo man vielleicht auch eine Ingenieurin hat und etwas produzieren könnte.“

Aschenputtel und Phönix aus der Asche sind Leitmotive, die ihr schon immer gefallen haben. Wiederauferstehen zu echter Größe, wirtschaftliche Tragfähigkeit im Business mit Herzenswärme und dem Willen zum Guten verbinden, das wünscht sie sich für sich und für andere.

Vielleicht erreicht sie es in der Gemeinschaft mit anderen. Vielleicht ist die Zeit jetzt reif dafür und das Gras steht gerade hoch genug.