Porträt zum 80. Geburtstag

love-393919_640…Schon als Jugendliche war Elisabeth Schönefeld sehr sportlich. Sie mochte Leichtathletik, war begabt im Laufen, Werfen, Springen und wurde von ihrer Sportlehrerin ermutigt. Im Garten der Großeltern gab es Tennisplätze. Zwischen zwei Birken im Park hatte ihr Vater eine Schaukel, ein Reck und Ringe befestigt, an denen sie ausdauernd turnte und kopfüber die dicken blonden Zöpfe ins Gras hängen ließ. 1942 wurde sie in der Volksschule in Bründel eingeschult. Eine Zuckertüte gab es nicht. Das kannte man im Osten nicht. Sie ging sehr gern zur Schule, machte anfangs ihre Schulaufgaben mit Kreide, Schwämmchen und Lappen auf einer Schiefertafel, später mit Federhalter und Tinte im Heft. 1944 wurde ihr jüngerer Bruder geboren, er blieb ein Sorgenkind der Familie. Während die Welt vom Zweiten Weltkrieg erschüttert wurde, erlebte Elisabeth Schönefeld im Kreis ihrer Familie eine glückliche Kindheit in schöner Landschaft und kultivierter Umgebung. „Nur als die Schulwege durchs Dorf im Krieg zu gefährlich wurden, hatten wir Hausunterricht von einem Vetter und einer Cousine – Kinder von Vaters ältester Schwester, die in Berlin ausgebombt waren.“

Die ländliche Idylle endete 1945 mit der Besetzung des östlichen Harzes durch sowjetische Truppen und die Zuerkennung von Teilen des damaligen Deutschen Reiches durch die Alliierten an Polen. Großgrundbesitzer wurden enteignet, und ihr Vater erhielt von seinem Rechtsanwalt in Halle den dringenden Rat, das Gut sofort zu verlassen und die Familie in absehbarer Zeit an einen vereinbarten Treffpunkt nachzuholen. Man munkelte von Theresienstadt und Lagern für Zwangsarbeiter. Darüber wurde mit den Kindern nicht gesprochen. „Auf dem Land bekamen wir vom Krieg nicht viel mit. Gehungert haben wir nie, denn Vorräte gab es genug. Wir konnten sogar noch die Schwester meines Vaters mit ihren zwei Kindern aufnehmen, als ihr Mann fiel.“ Elisabeth Schönefeld springt auf, schneidet den Käsekuchen in kleine Stücke und schenkt Tee nach. „Wir essen das alles auf, aber so sieht es etwas vornehmer aus“, erklärt sie lachend.

Mit neun Jahren musste sie mit ihrer Familie auf die Flucht gehen, um das Land den Polen zu überlassen. Im Oktober war ihr Vater bereits mit dem Fahrrad Richtung Göttingen zu seiner Mutter geflohen, drei Tage vor Weihnachten wurde der Rest der Familie ausgewiesen. „Wir treffen uns bei Großmama. So war es verabredet“, erinnert sie sich. „Meine Schwester hatte damals eine Mittelohrentzündung und weinte vor Schmerzen. So erhielt meine Mutter die Berechtigung, mit einem ärztlichen Attest ihres Vetters in der Tasche und uns Kindern an der Hand zur Behandlung in eine Göttinger Klinik zu reisen.“ Das Kindermädchen, Anna, begleitete sie bis zum Bahnhof in Halle. Dann trennten sich ihre Wege. Die Verbindung blieb dankbar und freundschaftlich. Anna bot an, den jüngsten Bruder vorübergehend zu sich und ihrer Tochter in Pflege zu nehmen, bis die Verhältnisse sich etwas konsolidiert hatten. Zwei Jahre lang kümmerte sie sich um den Kleinsten ̶ ein treuer Dienst, den die Eltern ihr ihr Leben lang hoch anrechneten. Die Flucht glückte. Den Tornister mit der Aufschrift Elisabeth Küster will nach Walkenried vorm Bauch, wurde sie mit anderen Kindern durchs Fenster in eines der überfüllten Zugabteile gehoben. In Walkenried wollten sie zunächst Station bei Verwandten ihrer Mutter machen. Mit dem letzten Interzonenzug von Halle nach Braunschweig erreichten sie den Westen. Endstation Braunschweig: Der Bahnhof eine Ruine, es war bitterkalt und schneite hinein. „Ich weiß noch, dass wir Kinder stundenlang alleine warteten, während meine Mutter auf dem Bahnhof umherlief und in der Hoffnung, etwas über den Verbleib der Familie zu erfahren, Fremde ansprach. Wir Mädchen weinten, mein Bruder versuchte uns zu beruhigen. Wie meine Mutter es schaffte, Kontakt mit ihrem Vetter, der vom Nachbargut Ilberstetz nach Wolfenbüttel geflohen war, wiederaufzunehmen oder meinen Vater Paul zu finden, weiß ich nicht. Ich vermute, dass sie Verbindungsleute aus Wolfenbüttel auf dem Bahnhof ausfindig gemacht hat.“ Elisabeth Schönefeld klingen immer noch die Sätze aus den Erzählungen ihrer Mutter im Ohr: „Hier ist Rosie, wo ist Paul?“ Stille. Dann: „Paul steht neben mir.“ Sie weiß, dass ihr Vater gerade zu der Zeit in Wolfenbüttel war. Fragmente, Spuren, Unerklärliches aus dem Dunkel der Kriegswirren. Das Wichtigste: Die Familie fand sich wieder. Man hatte überlebt und war wieder zusammen. Mit äußerst knappen und bescheidenen Mitteln begannen Elisabeth Schönefelds Eltern wieder ein recht normales Familienleben aufzubauen.

1948 erhielt ihr Vater, der die Saatenanerkennung in Niedersachsen machte, ein Saatzuchtgut in Monsheim bei Worms angeboten. „Dort zogen wir in ein für uns Kinder wunderschönes Gutshaus ein. Für meinen Vater war es eine große Umstellung, als Angestellter zu arbeiten und mit nichts in der Hand dazustehen. Meine Mutter, die es gewohnt war, der Köchin die Speisepläne vorzugeben, kochte selbst. Nach dem Abitur hatte sie ein Jahr lang die Maidenschule besucht, wollte eigentlich Musik studieren.“ Die Kinder brachten gute Noten nach Hause und erreichten so eine Freistellung vom Schulgeld. Die Verhältnisse zwangen zur Bescheidenheit und hielten lange Zeit Wünsche und Ansprüche im Zaum. Nach dem Abitur hätte Elisabeth Schönefeld gerne Medizin studiert, aber es war ihr bewusst, dass ihre Eltern nicht allen Kindern ein Studium ermöglichen konnten. So verzichtete sie und wechselte zur Krankengymnastik, zu einem damals noch ganz unbekannten Fachgebiet. Im Nachhinein war es für sie die richtige Wahl. Elisabeth Schönefeld liebt ihren Beruf, hat sogar nach Eintritt des Rentenalters ehrenamtlich weitergearbeitet und gerät ins Schwärmen, wenn sie darüber spricht. Man könnte sie wohl nachts wecken, und ihr würden noch die passenden krankengymnastischen Übungen einfallen. „Der Beruf ist einfach schön. Ich war beseelt von dem Gedanken, anderen Menschen helfen zu können. Der Kontakt mit den Menschen gefällt mir.“…