Porträt zum 80. Geburtstag

love-393919_640…Die Ausbildung absolvierte sie auf den Vorschlag ihrer Großmutter hin in ihrer Nähe in Göttingen, weil es dort eine sehr gute Krankengymnastik- und eine der wenigen Atemschulen gab. Nur zu gerne folgte sie diesem Ruf. „Großmama spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle. Unter ihren 14 Enkelkindern nannte sie mich immer ihr Herzblättchen. Ich habe sie unendlich geliebt“, sagt sie und nimmt einen Schluck Tee. „Ich mache meine ganze Krankengymnastik immer in Verbindung mit der Atmung und bin fest davon überzeugt, dass das hilft“, erläutert sie und zeigt mir, wie man richtig in den Bauch atmet. „Genau wie die Atmung verlaufen die Bewegungen in einer Sinuskurve. Spannungsübungen mit der Atmung zu verbinden ist für viele Patienten ungewöhnlich, aber sehr wirkungsvoll. Wer das verinnerlicht, der hat auch etwas davon. Hatten Sie schon einmal Krankengymnastik?“, erkundigt sie sich voller Interesse. Ich kenne Probleme mit der Halswirbelsäule. „Da könnte ich auch dran!“, bietet sie spontan an, ganz in ihrem Element.

Die Ausbildung bestand aus Vorlesungen an der Universität, praktischen Übungen am Krankenbett, Sport und Bewegung. Gerne erinnert sie sich an diese schöne Zeit und die vielen abendlichen Besuche bei ihrer Großmama. Von ihr, die selbst als Frau eines Professors für Gynäkologie das Alleinsein kannte, lernte sie, wie wichtig es ist, sich einen engen Kreis von Freunden und Freundinnen aufzubauen, gute, langjährige Freundschaften zu pflegen und auch über Entfernungen hinweg aufrechtzuerhalten. „Die Männer haben ihren Beruf, ihre Kollegen, ihre Corpsbrüder und Freunde.“ Und ihr verdankt sie die Begegnung mit ihrem späteren Mann, Walter Schönefeld. „Unsere Großmütter waren schon in Dortmund Kränzchenfreundinnen, und Walter meldete sich bei Großmama zum Besuch an, als er in Göttingen war. Großmama erzählte ihm, dass ich gerade mit der Krankengymnastikausbildung angefangen hätte und sie jeden Donnerstag besuchen käme, und lud ihn zum Abendessen ein. Mir erzählte sie anschließend von ihm. Dass er Medizin studierte, gefiel mir natürlich.“

Elisabeth Schönefeld war 21 Jahre alt. „Ja, dann kam ich zu Großmama, und da saß er. Am 19.2.1958 lernte ich also meinen zukünftigen Mann kennen. Wir kamen schnell ins Gespräch, unterhielten uns gut und waren uns sofort sympathisch“, erinnert sie sich. Der Sessel, in dem sie ihn zum ersten Mal sah, nimmt einen besonderen Platz in ihrem Appartement ein. Ihr Vater hat ihn aus dem Nachlass der Küsters für sie und ihren Mann gerettet und schön aufarbeiten lassen. Sie hält ihn in Ehren. „Großmutter bat Walter dann mich nach Hause zu bringen.“ Er studierte in Tübingen Medizin und dachte daran, nach Göttingen zu wechseln. „Vier Wochen später traf Großmama ihn auf dem Blumenmarkt und lud ihn zum Mittagessen am Sonntag ein. Mich natürlich ebenfalls.“ Das Göttinger Theater bot damals unter Heinz Hilpert Lesungen für Studenten zum ermäßigten Preis an, und diese kulturellen Veranstaltungen besuchten beide gerne gemeinsam. „Großmutter schenkte uns daraufhin völlig arglos Karten fürs Theater: Die Heiratsvermittlerin von Thornton Wilder!“, lacht sie. Sie unternahmen lange Wanderungen und fuhren mit dem Motorroller durch den Harz. Sie waren sich einig und genossen ihr Glück.

1959 beendete Elisabeth Schönefeld ihre Ausbildung, und beide planten nach Bonn zu ziehen. Sie wollte sich eine Stelle im Krankenhaus suchen, er die Universität wechseln. Aber beide Väter sprachen ein Machtwort. Es kam nicht in Frage, in derselben Stadt zu wohnen, solange Walter Schönefeld noch studierte und sich auf sein Examen vorzubereiten hatte. Sie fügten sich und suchten Wege, sich weiterhin treffen zu können. Nur wenige Kilometer von Bonn entfernt fand Elisabeth Schönefeld eine Stelle im Krankenhaus in Troisdorf. Nach der Arbeit musste sie nur mit dem Zug über den Rhein fahren, um ihren Freund zu sehen. „Dass wir uns so oft verabreden konnten, haben wir natürlich den Eltern nicht erzählt“, verrät sie schelmisch. „Das blieb unser Geheimnis.“

Gesprächsstoff hatten sie mehr als genug: Sie erzählte ihm von ihren Erfahrungen im Krankenhaus, er gab ihr Einblick in medizinische Fachthemen, ließ sie die Ärztlichen Mitteilungen und seine Physikumsarbeit lesen. Nach dem Staatsexamen erwarteten beide Väter des jungen Paars, dass er noch vor der Hochzeit promovieren sollte. Wieder hieß es sich in Geduld fassen. „In den letzten Semestern hat er gleichzeitig seine Promotionsarbeit geschrieben, und dann durften wir heiraten. Wir hatten liebevolle, aber strenge Eltern. Mein Mann bat meinen Vater förmlich um meine Hand, wie sich das damals gehörte. Wir hatten meine Eltern oft besucht, und mein Mann verstand sich sehr gut mit meinem Vater. Sie spazierten durch die Monsheimer Pfirsichplantagen und sprachen abends beim Pfälzer Wein über Landwirtschaft, Corpsbruderschaften und Gott und die Welt. Wir waren glücklich.“

In Iserlohn fanden sie ein Krankenhaus, das eine Krankengymnastin und einen Medizinalassistenten zur Anstellung suchte, und Elisabeth Schönefeld ließ sich schließlich von ihrem Schwiegervater überzeugen, dass Iserlohn eine schöne Stadt und das Sauerland nicht das Ende der Welt ist. Sie feierten Verlobung und heirateten im großen Kreis von Verwandten und Freunden bei Eiseskälte im Februar, denn am 1. März sollten sie in Iserlohn ihre Stellen antreten. „Der Bürgermeister bemühte sich bei der standesamtlichen Trauung, Hochdeutsch statt pfälzischer Mundart zu sprechen. Anschließend machten wir noch eine Woche Skiferien im Schwarzwald“, erinnert sie sich lächelnd. „Da sind wir tatsächlich eingeschneit. Einen Tag kamen wir zu spät“, amüsiert sie sich. Für ein Jahr bezog das junge Ehepaar eine möblierte Mansardenwohnung in Iserlohn und bekam oft Besuch von Elisabeth Schönefelds Schwester aus Bonn, die dort eine Stelle als MTA gefunden hatte. Im Haus wohnten die Vermieter und eine junge Familie. Der Bruder der jungen Frau kam ebenfalls häufig aus Bonn zu Besuch. „Wir schlugen ihm vor, mit meiner Schwester eine Fahrgemeinschaft zu bilden. Und so haben wir schließlich eine Ehe gestiftet“, freut sie sich. Die jungen Paare schlossen Freundschaft, unternahmen gemeinsame Wanderungen durchs Sauerland, und noch heute besucht Elisabeth Schönefeld ihre Freundin aus damaliger Zeit, die inzwischen in einem Seniorenheim in Iserlohn lebt…