Porträt zum 80. Geburtstag

love-393919_640… „Nach einem Jahr absolvierte mein Mann ein Praktikum in Göttingen. Mich hatte das Krankenhaus gebeten, noch ein Vierteljahr weiterzuarbeiten, als meine Kollegin ausfiel. Es hat mir gefallen, dort sehr selbstständig arbeiten zu können. So waren wir für drei Monate getrennt und besuchten uns an den Wochenenden“, erzählt sie. Schließlich bezogen sie eine günstige Wohnung am Stadtrand. „In Göttingen kam dann unser ältester Sohn, Michael, zur Welt. Mein Mann hatte immer das Glück, dass sein Chef ihn überallhin mitnahm, wenn er einen Ruf an eine andere Universität erhielt. So wurde er in seiner wissenschaftlichen Laufbahn immer weiter gefördert. Dadurch sind wir so oft umgezogen.“ Der Umzug in die Residenz war ihr 13. Wohnortwechsel. Inzwischen fühlt sie sich hier zu Hause.

Elisabeth Schönefeld steht auf, um Tee nachzuschenken. „Ich freue mich richtig, dass Sie da sind“, sagt sie und serviert mir noch ein Stückchen Kuchen.

In München forschte ihr Mann an einem renommierten Institut, um für seine Habilitation wissenschaftlich zu arbeiten, während Elisabeth Schönefeld zu Hause blieb. „Er führte Messungen von Natrium im Urin von Hunden durch, bereitete seine Hochschulvorlesungen vor und ging auch an den Wochenenden ins Institut. Zum Teil musste er sogar nachts arbeiten. Da war ich schon sehr viel allein mit dem Baby. Den anderen Medizinerfrauen ging es ähnlich. Wir mussten uns daran gewöhnen.“ Die Karriere des Mannes ging vor, Zeit für Familie und Freunde blieb damals kaum. Man lebte in sparsamen Verhältnissen mit der Aussicht, dass es immer nur aufwärts gehen konnte. In der Forschung im Institut zu bleiben kam für ihren Mann dennoch nicht in Frage. Er fühlte sich dazu berufen, wieder an die Klinik zurückzukehren und Patienten zu helfen. So entschieden sich beide, wieder nach Bonn zu wechseln. „Das war für mich wirklich schön. Ich bin als Preußin in Bayern nie heimisch geworden und konnte nicht wirklich Anschluss finden. Das viele Alleinsein machte mich oft traurig.“ Am Ende der Münchner Zeit wurde ihr zweiter Sohn, Peter, geboren. Sie fanden eine schöne Dreizimmer-Wohnung, ihr Mann fuhr mit dem Auto zur Uniklinik, habilitierte sich und wurde mit 36 Jahren zum Professor berufen. „In den ersten Semestern hat er ein bisschen gebummelt. Ich durfte ja als junges Mädchen auch die Feste und Bälle der Corpsbruderschaften mitmachen. Das war schon ein tolles Leben. Später hat er die verlorene Zeit durch Fleiß und Ehrgeiz wieder aufgeholt.“ Man etablierte sich. Walter Schönefeld folgte seinem Chef nach Köln und wurde Oberarzt.

Die junge Familie bezog zunächst eine Wohnung und konnte sich ein Jahr später vergrößern. Elisabeth Schönefeld kaufte gerne in einer kleinen Boutique ein und kam mit der Besitzerin ins Gespräch, die einen Umzug plante und ihr Haus zur Miete anbot. „Bis 1981 wohnten wir dort, dann wurden rundum sehr schöne neue Häuser gebaut. Mein Mann ging immer durch die Neubauten und schwärmte mir von versetzten Treppen und Ebenen vor, aber wir ließen unser Geld lieber den Kindern zugutekommen, bevor wir in Eigentum investierten.“ Sie unternahmen gemeinsame Reisen, segelten, liefen Ski und zeigten ihren Söhnen die schönsten Gegenden. Es war ihnen wichtiger, zusammen etwas zu erleben. „Und die Kinder fahren heute mit unseren Enkeln an dieselben Orte. Ein schöneres Danke gibt es doch gar nicht“, resümiert sie.

Nach 15 Jahren als Oberarzt in Köln erhielt Walter Schönefeld das Angebot, die Kardiologie in Solingen samt Intensivstation zu übernehmen, eine große Verantwortung, die seinen vollen Einsatz forderte. Gemeinsam kauften sie ein Haus in Solingen, und Elisabeth Schönefeld blieb noch für ein Jahr in Köln, da ihr jüngster Sohn mitten in Abiturvorbereitungen steckte. In dieser Zeit lernte Walter Schönefeld seine jetzige zweite Frau kennen. Die Familie war erschüttert. „Er war 50. Sie spielte Tennis. Das war für mich eine ganz schreckliche Zeit.“ In der Hoffnung, ihre Ehe zu retten und dieses Tief gemeinsam zu überwinden, zog sie in das Solinger Haus. „Ich hatte so viel Gottvertrauen, weil mein Mann damals sagte, es muss ja nicht für immer sein. Ich kam aus einer heilen Welt. Das war ein ganz tiefer Fall“, sagt sie leise. „Aber ich konnte 30 Jahre lang alleine in dem Haus wohnen und er hat alles für mich bezahlt. Nach dem Verkauf des Hauses hat er mich sehr großzügig beteiligt. Deshalb kann ich jetzt hier in der Residenz so schön wohnen. Das rechne ich ihm hoch an.“ Die Söhne waren aus dem Haus und gingen ins Studium, sie fand wieder Arbeit als Krankengymnastin. Wie sie den Schmerz der Trennung bewältigte? „Ich habe noch nie so viel in meinem Leben geweint wie die ersten Jahre in diesem Haus. Und ich habe intensiv innerlich an mir gearbeitet. Verstehen kann ich es bis heute nicht, in gewisser Weise verziehen habe ich ihm wohl.“ Eine Narbe bleibt dennoch, die Bilanz ist immer wieder schmerzlich. Eine Verbindung mit einem anderen Mann kam für sie nie in Frage. „Was uns beide berührt und wir zusammen empfinden, das hätte mir kein anderer Mann geben können. Ich hätte innerlich immer verglichen“, gesteht sie sich ein. Die Schönefeldschen Familienfeste meidet sie bis heute. „Das kann ich noch nicht.“

Inzwischen steht Elisabeth Schönefeld wieder in freundschaftlichem Kontakt mit ihrem Ex-Mann und blickt dankbar auf ihre langjährige Ehe zurück. Sie ist stolz auf ihre Söhne, die als Arzt und Unternehmensberater erfolgreich sind, und eine begeisterte und liebevolle Omi für ihre Enkel, die sie gerne im „Omihaus“ besuchen. Den Umgang mit ihnen hat sie ihm nie verwehrt. „Meine Söhne und Freunde stehen immer zu mir. Das stärkt unglaublich. Und in Magdalena und Susanne habe ich vom ersten Tag an ganz liebevolle Töchter dazugewonnen“, erzählt sie. Elisabeth Schönefeld ist nicht verbittert, bedauert aber, dass die Zeit der gemeinsamen Konzert- und Museumsbesuche mit ihrem Ex-Mann, die sie sehr genossen hat, vorüber ist. Vielleicht findet sie unter den Mitbewohnern in der Residenz hierfür wieder Begleitung, hofft sie.

Das Telefon klingelt. Morgen wird sie mit einer Mitbewohnerin einen Stadtbummel in Köln unternehmen. Nach zwei Stunden Gespräch zeigt Elisabeth Schönefeld keinerlei Anzeichen von Müdigkeit. „Das ist auch Ihre Ausstrahlung und die Art, wie Sie zuhören. Da stimmte von Anfang an alles“, lobt sie anerkennend, „ich hoffe, dass wir in Kontakt bleiben. Sie können mich jederzeit anrufen.“ Auf die Feier zu ihrem 80. Geburtstag im engsten Freundes- und Familienkreis freut sie sich sehr.

Elisabeth Schönefeld liest gerade die Biografie Guido Westerwelles, der vor wenigen Monaten im Alter von 54 Jahren an den Folgen einer Leukämieerkrankung verstorben ist. Gelebtes Leben, das sie berührt. Der kostbare Wert der Zeit ist ihr bewusst. Wenn sie zurückblickt auf bald 80 Jahre und sich fragt, was ihr immer wieder Kraft gab, sieht sie ihre Eltern als großes Vorbild dafür, wie man im Leben durch schwierige Umbruchsphasen kommt, in denen man scheinbar vor dem Nichts steht. „Meine Mutter sagte mir: ,Elisabeth, du musst lernen, an deine innere Stimme zu glauben und Vieles mit dir selbst auszumachen.‘ Das hat mir geholfen. Und ich glaube, dass jeder Mensch einen Schutzengel hat, der ihm zur Seite steht. Du musst aber auch deinen Teil dazutun und immer nach vorne sehen.“