Porträt zum 80. Geburtstag

love-393919_640Es ist einer der seltenen sonnigen Tage in einem verregneten Frühsommer. Passanten schlendern durch die Fußgängerzone, genießen ein Eis, bleiben zu einem Plausch mit Bekannten stehen, lassen sich in einem der Cafés in der Sonne nieder oder bummeln durch die Geschäfte  ̶  eine Atmosphäre von Urlaub und beschaulicher Gangart. Ich kaufe ein kleines Mitbringsel im Blumenladen und eile zurück zur Seniorenresidenz, die ganz zentral in der Nähe der Einkaufsstraße liegt. Mitten im Leben. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, findet im Haus alles für den täglichen Bedarf: Friseur, Fußpflege, Apotheke, Arztpraxen, eine Bank und ein Restaurant. Ich melde mich am Empfang und fahre mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock. „Herzlich willkommen! Ich freue mich ja so. Ein interessanter Beruf! Das ist ja schon ganz lange geplant.“ Mit strahlendem Lächeln bittet Elisabeth Schönefeld mich in ihr Appartement und würdigt mein kleines Röschen. „Das ist aber lieb von Ihnen. Die halten lange, wenn man sie zurückschneidet und von unten gießt. Das habe ich von meinem Vater gelernt“, erfahre ich sogleich. Sie ist klein und zierlich, trägt flache Schuhe zum hellen Jeansanzug, der geringelte bunte Schal greift das frische Grün ihres T-Shirts auf. Ein blonder Kurzhaarschnitt, dezenter Schmuck und ein zarter Lippenstift unterstreichen ihre sportliche Eleganz. Noch im Flur stehend, beginnt sie sofort lebhaft zu erzählen.

„Die Residenz habe ich durch meine Eltern kennen gelernt, die hier vor 30 Jahren gelebt haben. Seitdem ist alles renoviert und schöner und heller gestaltet worden“, berichtet sie. „Ich bin jetzt ein und ein Viertel Jahr hier und fühle mich sehr wohl, weil der Geist des Hauses einfach stimmt. Jeden Morgen kommt ein Ruf durch die Sprechanlage, um nachzufragen, ob man Hilfe braucht. Der Notfallkoffer steht gepackt bereit, ich fühle mich gut betreut.“ Mit hellen und kleinen Möbeln hat sie ihr Appartement geschmackvoll eingerichtet: eine Bücherwand, vier japanische Bilder, ein Sekretär zum Briefeschreiben, ein besonderer Lieblingssessel schaffen eine kultivierte Atmosphäre, ohne dem großzügig wirkenden Raum an Leichtigkeit zu nehmen. Nebenan ein großes Fernsehzimmer mit bequemem Sessel, Schrank und Bett. Der Wohnzimmertisch ist liebevoll dekoriert, Elisabeth Schönefeld brüht frischen Tee auf. „Wenn Sie noch mal kommen, können wir einen Spaziergang durch den Schlossgarten machen“, schlägt sie vor und schließt die Balkontür. Die Straße führt direkt am Haus vorbei.

Sie ist gerne in Bewegung, den Fahrstuhl nutzt sie nur selten. Als Krankengymnastin weiß sie, dass das Treppensteigen die Muskelkraft erhält. „In unserem Alter staucht man beim Abwärtsgehen die Wirbelsäule, aber das Aufwärtsgehen ist so wichtig. Ich nehme jeden Tag 74 Stufen bis zur dritten Etage, den Fahrstuhl nutze ich nur zum Runterfahren oder um Einkäufe zu transportieren.“ Beim Einzug litt sie unter einer Entzündung im Knie, die sie durch völlige Ruhigstellung auskurierte. Ihre Geduld zahlte sich aus: Statt sich nach dem Essen hinzulegen  ̶  für viele in ihrem Alter der schönste Teil des Tages  ̶ , unternimmt sie lieber jeden Tag einen ausgedehnten Spaziergang in flottem Tempo, bei dem ihre Mitbewohner, die bereits auf Gehhilfen angewiesen sind, nicht mehr Schritt halten können. Als sie in die Residenz zog, kannte sie niemanden im Haus, inzwischen hat sie sich einen kleinen Kreis von guten Bekannten zum Scrabble- und Kartenspielen oder Kaffeetrinken aufgebaut. Zusätzlich begleitet sie gelegentlich Bewohner, die schlecht sehen können, zu Terminen. Elisabeth Schönefeld engagiert sich gerne. „Kranke oder gebrechliche Menschen waren immer mein beruflicher Lebensinhalt. Ich sehe die Bewohner im Rollstuhl und weiß, das kommt alles irgendwann auf mich zu. Deshalb bin ich dankbar, dass ich noch laufen kann und in diesem schönen Ambiente wohne“, sagt sie und erkundigt sich nach meiner Mutter.

Elisabeth Schönefeld serviert Kuchen, springt immer wieder auf, um Tee nachzuschenken, eine aufmerksame Gastgeberin, die das Wohl ihres Gegenübers im Blick behält.

Geboren wurde sie 1936 im Harz, zwischen Magdeburg und Halle, wo ihr Vater als Landwirt und Saatzüchter ein großes Gut bewirtschaftete. „Meine Eltern bekamen zur Hochzeit von ihren Eltern ein Rittergut geschenkt mit der Auflage, das großelterliche Gut in Bründel Plötzkau zu übernehmen, wenn mein Großvater es aus Altersgründen nicht mehr bewirtschaften könnte. Zu dem Gut gehörten eine Zuckerfabrik, eine Brennerei, eine Schmiede zum Beschlagen der Pferde und Käfige, in denen Frettchen für die Jagd gehalten wurden. Mein Großvater, Jurist und ebenfalls Landwirt, starb 1941 unerwartet an einem Herzinfarkt. So mussten wir plötzlich auf das Gut des Großvaters umziehen, und mein Vater wurde Domänenpächter auf einem sehr großen Gebiet in Bründel Plötzkau. Da war ich fünf Jahre alt“, erzählt sie. Elisabeth Schönefeld erlebte ihre Kindheit auf dem Land als behütet und geborgen. Anna, das Kindermädchen, umsorgte sie und ihre Geschwister rund um die Uhr, aß mit ihnen, badete sie nach dem Abendessen, hüllte sie in ihre weißen Bademäntel und brachte sie ins Bett. Für die Kinder gab es einen Extratrakt im Haus: ein Spielzimmer, ein Schlafzimmer für die Schwestern und ihm gegenüber ein Schlafzimmer für den Bruder. Der Kontakt zu den Eltern, die sich um das Gut kümmerten und auch manchmal für ein paar Tage wegfuhren, um Freunde zu besuchen, war distanzierter als heute üblich. Die Kinder waren gut aufgehoben. Personal zu haben galt als selbstverständlich: eine Köchin, eine kalte Mamsell für das Abendessen, eine Weißnäherin für die Kleidung. „Das klingt großspurig, aber im Osten war das damals so“, ergänzt sie bescheiden. Ihre Eltern waren angesehene Respektspersonen und Vorbilder für soziales Engagement. „Vater sorgte dafür, dass die Arbeiter in ihren Häusern gut untergebracht waren. Wenn Vater oder Großvater durch die Felder ritt, blieben die Bürger am Wegrand stehen und zogen den Hut.“

Während ihr Bruder in die Bäume kletterte, gelegentlich auf dem Traktor mitfahren durfte, seine Hasen fütterte und ihre Ställe putzte, spielten die Mädchen im Spielzimmer mit ihren Puppen oder fütterten ihre beiden Schildkröten, die in einer Grotte im Park Auslauf hatten, mit Salatblättern. Väterlicherseits gab es einige Ärzte in der Familie, und da Elisabeth Schönefeld früh von allem Medizinischen fasziniert war und selbst als junges Mädchen lange an einer Herzmuskelentzündung und an Nierenbeckenentzündungen litt, waren ihre Puppenkinder immer „krank“, trugen ein Taschentuch um den Hals oder einen Verband am Bein. „Das fand meine Schwester doof und langweilig“, erinnert sie sich. Ab und zu machte ihr Bruder sich einen Spaß daraus, mit seiner kleinen Eselskutsche hinter der Pferdekutsche der Eltern herzufahren und die kleinen Schwestern auf der Rückbank ordentlich durchzurütteln, wenn der Vater den Weg freigab und er mit dem Esel waghalsige Wendemanöver probierte. …