leseprobe1Ich sitze im Garten von Kerstin Beck, die Vögel zwitschern, vom Balkon gegenüber gibt ein Papagei aus seinem Käfig flötende, keckernde und schreiende Töne von sich. Ab und zu übt er ein paar Schimpfworte. Zwei graue Kater leisten mir Gesellschaft im Halbschatten. Es ist Vormittag und die beiden Kinder sind noch im Kindergarten. Kerstin Beck hat Zeit. Sie ist seit einem halben Jahr arbeitslos, macht sich aber noch keine großen Sorgen, ist noch optimistisch. Mit 41 ist sie in einem Sonderprogramm der Arbeitsagentur. Integrierter ganzheitlicher Ansatz zur Arbeitsvermittlung nennt sich das und bedeutet: Sie hat eine Ansprechpartnerin, die sie auch persönlich erreichen und sprechen kann, ohne im Callcenter in der Warteschleife zu verzweifeln. Mit zwei kleinen Kindern ab einem gewissen Bildungsniveau eine Teilzeitstelle nur für den Vormittag zu finden ist das größte Manko. „Als Bäckereifachverkäuferin würde ich überall eine Teilzeitstelle bekommen, aber das bin ich nun mal nicht. Buchführung kann ich auch nicht, um vormittags im Sekretariat zu arbeiten“, sagt sie.

Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung als Pharmazeutisch-technische Assistentin und merkte schnell, dass sie statt des geplanten Pharmaziestudiums lieber etwas viel Spannenderes in Angriff nimmt: Anthropologie, Ethnologie und Publizistik. Mit Schwerpunkt Krebsforschung landete sie anschließend im Gesundheitsmanagement einer privaten Krankenversicherung und studierte nebenbei noch angewandte Gesundheitswissenschaften. In einer Unternehmensberatung stieg sie zum Thema E-Health ein. Nach drei Monaten wurde allen gekündigt, ihr Projekt konnte sie noch abschließen, dann nahm ihr Chef sie in eine neue Firma mit. Dort war sie Produktmanagerin in einem Softwareunternehmen, nahm die Anforderungen von Ärzten an ihre Praxissoftware auf und gab die Daten an die Entwickler weiter. Leider wurde auch dieses Büro geschlossen. Kerstin Beck erhielt die Kündigung in der Elternzeit. „Das war auch unschön, natürlich mit Anwalt und allem“, deutet sie an.

Als ihr Kleiner im Kindergarten war, machte sie sich auf die Suche und fand neue Arbeit. Für private Krankenversicherungen beriet sie ein Jahr lang Patienten mit Herzinfarkt, Diabetes, Herzinsuffizienz und Asthma am Telefon. Sie sensibilisierte sie für den Umgang mit ihrer Diagnose und erinnerte sie regelmäßig an die erforderlichen Lebensstiländerungen. Die Kommunikation im Dialog liegt ihr. Auch dieses Team ist sehr dezimiert worden.

An einer Hochschule kam sie sehr weit mit ihrer Bewerbung, hatte dann aber doch das Nachsehen. Sie ist breit aufgestellt, kann vieles, ist flexibel und wortgewandt, aber jemand anderer mit genau der Erfahrung in genau dem Bereich bekam den Job. Ihr Lebenslauf offenbart nicht auf den ersten Blick, wo sie einzusetzen wäre. „Ich kann viel, kann mich in viel einarbeiten, aber muss auch Leute finden, die mir das zutrauen. Auf welche Jobs ich mich bewerbe? Auf die eierlegende Wollmilchsau.“ Sie lacht. Selten findet sie Angebote im Gesundheitswesen; im Gesundheitsmanagement planen, beraten, für Patienten produktiv sein, das wäre ihr Wunsch. „Der Kontakt mit Menschen macht mir schon Spaß“, erzählt sie. Das nächste Bewerbungsgespräch ist in ein paar Tagen.

Kerstin Beck spricht leise, vorsichtig nähert sie sich einem Thema an, eine zurückhaltende Frau. Bevor sie sich bewirbt, fragt sie telefonisch nach. „Mich aufdrängen ist nicht meine Welt.“ Die Gesamtperspektive macht ihr Sorgen, befristete Jobs, Bewerbungen alle paar Jahre in immer höherem Alter: „Ich kenne viele, die studiert haben und die jetzt Jobs machen, nach denen man besser nicht fragt.“ Wenn sie ihren Mann nicht als Mitverdiener im Rücken hätte? Das mag sie sich kaum vorstellen. „Wahrscheinlich würde ich bei Aldi oder Rewe an der Kasse sitzen.“ Andere Mütter arbeiten für Putzfrau, Kindermädchen, Autofahrten und behalten kaum etwas übrig vom Vollzeitjob, der irgendwann nur noch Nerven kostet.

Kerstin Beck wünscht sich, dass man sich nicht am normalen Überleben so aufreiben muss. Sie wünscht sich Unternehmen, die verstehen, dass Lebensphasen bestimmte Bedingungen brauchen und diese sich auch wieder verändern, dass Leben nicht nur auf der Mitarbeiterseite Flexibilität verlangt: „Auf der einen Seite wird gesagt, es besteht Fachkräftemangel, auf der anderen Seite wird es nicht unterstützt, die Leute im Unternehmen zu halten. Das sind alles Worthülsen“, beschwert sie sich. „Keiner bekommt es hin, Arbeitszeitmodelle zu kreieren, die an Lebensphasen angepasst sind, auch für Väter, ohne dass die Karriere dann im Eimer ist. Ich möchte ja nicht auf Lebenszeit halbtags arbeiten und trotzdem doch auch mal wieder den Kopf beschäftigen.“ Vor allem ärgert sie, dass man ihr mit zwei kleinen Kindern fast nur noch Hilfsjobs zutraut. „Das Schubladendenken ist am Leben vorbei. Es muss zumindest die Möglichkeit der Links- und Rechtskurven geben. Man kommt für alles, was Kopfarbeit bedeutet, fast gar nicht mehr in Frage. Wozu hab ich denn studiert?“, fragt sie sich.

Sich selbstständig zu machen erlaubt ihre Zeit noch nicht. Aber nebenbei benäht sie Kinder-T-Shirts mit selbst entworfenen Applikationen für andere Mütter aus dem Kindergarten. Ein Babyshirt mit einem aufgenähten Leuchtturm gibt sie mir als Geschenk für einen gemeinsamen Bekannten mit, mit Liebe zum Detail genäht, für einen kleinen Jungen in aufwändiger Handarbeit geduldig und geschmackvoll hergestellt. Sie zeigt mir eine neue Zeitschrift, in der es darum geht, kreativ zu werden, Achtsamkeit für sich selbst zu üben und die Komfortzone zu verlassen. Vielleicht baut sie später noch mal etwas ganz Neues auf. Irland wäre ihr Traumland.