Ralf AdlerAm Handwerkerhof Nummer 1 – welche Adresse könnte besser zu Ralf Adlers Zimmerei und Schreinerei passen? Vor der 2500 qm großen Halle, in die früher Züge zur Wartung eingefahren sind, frage ich den Lehrling nach dem Weg zum Büro des Chefs. An der Wand: „Dat Kölsche Grundjesetz“.

„Dieses Gelände hier ist ein altes Bahngelände, das vor zehn Jahren noch von der Bahn selbst in Gebrauch war. Als dann ganz zugemacht wurde, sind die Handwerker hier rein und hatten die Möglichkeit, in den alten Gebäuden Gewerbe zu betreiben“, erzählt er, während der Kaffee durchläuft. „Vor drei Jahren hatten wir das große Glück, das auch zusammen von der Stadt zu kaufen.“ Auf 25 000 Quadratmetern entstand so in den alten Bahnhofsgebäuden ein moderner Handwerkerhof, der Alt und Neu vereint und 24 unterschiedlichste Gewerbe miteinander verbindet. „Von der Idee her sind alle unter einem Dach. Der Kunde kann vorne rein und hinten im Prinzip mit einem fertigen Haus rauskommen.“ Die Stadt unterstützte die Idee, erhielt Förderung durch das Land und von der EU. „Wir hatten gute Konditionen beim Kauf und konnten uns sehr früh gestalterisch in die Infrastruktur einbringen, das war sehr gut“, erinnert er sich. Das Konzept für das Eco Industrial Park-Label mit den vier Standbeinen Energie, Arbeit, Soziales, kurze Wege entstand und wurde von der Stadt Leverkusen übernommen. Das Label hängt in Ralf Adlers Büro. „Selbstständige gucken über den Tellerrand“, nennt er diesen Erfolg bescheiden. „Durch diese hohe Akzeptanz und die Standortsicherung als Teil der Neuen Bahnstadt Opladen mit den Bereichen Gewerbe, Campus, Wohnen und Kultur bin ich jetzt Standortbotschafter der Stadt Leverkusen.“

Im Flur vor der Küche lehnt eine gusseiserne Figur an der Wand. Sie stammt aus einer Kunstinstallation im Skulpturenpark. „Wir machen nicht nur Häuser und Holzbau, sondern werden auch mal für andere Aktionen gefragt“, erzählt er und blättert in einem Katalog. „Hier: Raum betonen. Das ist halt Kunst. Die Bude eines Obdachlosen wurde z.B. verschönert. Der hat sich total aufgeregt, weil er in der Zeit da nicht pennen konnte.“ Als Benedikt Papst wurde, besorgte Ralf Adler für einen Künstler einen weißen Hubschrauber und setzte ihn auf ein Dach, das er zuvor mit Stahlträgern verstärkt hatte. Das Kunstwerk „Ankunft“ wurde genau auf der Achse Rom–Köln positioniert, nur niemand nahm den Künstler wahr, der für die Position Rom auf der grünen Wiese stand, während Ralf Adler den Hubschrauber auf dem Dach befestigte. Die Kuratorin begrüßte ihn vor ihrer Rede und am Ende der Vernissage kannten wenige den Namen des Künstlers, aber alle fragten sich: „Wer ist denn Herr Adler?“

Die Kunden finden ihn durch Empfehlung. Seit zwanzig Jahren ist Ralf Adler inzwischen selbstständig. Als Schüler entschied er sich bereits für eine Ausbildung in einem Zimmerei- und Holzbaubetrieb. „Ich wollte eigentlich Restaurator werden. Mit 17 habe ich die Lehre begonnen und schon nebenbei in anderen Betrieben mitgearbeitet. Ich war der Einzige, der so früh wusste, dass er selbstständiger Handwerker werden will. Auch während des Zivildienstes war ich immer im Beruf. Nach vier Jahren als Geselle hab ich dann meinen Meister gemacht. Danach bin ich direkt bei Heidelbach selbstständig mit eingestiegen.“ Nach zehn Jahren hatten Heidelbach und Adler 25 Mitarbeiter und eine Filiale in Stralsund und trennten sich.

Seit zehn Jahren treibt Ralf Adler mit inzwischen 12 Mitarbeitern den RAL-zertifizierten Holzbau voran: Dachstuhl, Fachwerk, Aufstockung und Erweiterung zur Bestandserneuerung im urbanen Bauen, Hallenbau, aber immer mehr auch Fertighausbau. „Wie das, was die Fertighausindustrie macht, nur handwerklich, in einer kleineren Stückzahl und vor allem individuell nach den Wünschen der Kunden gebaut“, erklärt er. Die überwachte Zertifizierung gehört zu seinem Alleinstellungsmerkmal: „Da sind wir als Handwerksbetrieb im Umkreis von 50, 60 Kilometern die Einzigen. Die Qualitätskontrolle ist auch wichtig, wenn die Leute Geld von den Banken haben wollen. Viele Hausversicherer bestehen darauf, dass die Betriebe zertifiziert sind.“ Er setzt auf Qualität, seit 2007 auch als Obermeister und Prüfungsvorsitzender der Gesellenausbildung.

Ralf Adler ist jetzt 47. „Ich mach alles mit und das bleibt auch so. Wahrscheinlich bin ich mit 70 noch derjenige, der da hinten kehrt“, lacht er. „Wichtig ist mir hier die Halle und dass ich ein Büro hab. Was wir hier mit dem Projekt umgesetzt haben, dahinten die Werkstätten, die vermietet sind – das ist schon eine Nummer. Wir ergänzen uns, können miteinander funktionieren. Angefangen vom Rohbau über Dachdecker, Installateur, Elektriker, Maler, Zimmermann, Schreiner, Schlosser, Malerbedarf, Textilsticker, Großhandel für Installation, alles ist hier. Die Wege sind kürzer. Das Miteinander bringt mehr, als wenn jeder sein Süpplein kocht. Die Fragen der Kunden sind viel schneller beantwortet. Das kommt an.“ Und nicht nur das. „Wir haben die größte Photovoltaikanlage von Leverkusen und sind das Kraftwerk für die ganze Wohnanlage drüben. Abfälle werden direkt verbrannt.“

Das Konzept hat Ralf Adler geschrieben. 90% seiner Ideen sind bereits umgesetzt. In Zukunft soll noch ein Betriebskindergarten entstehen, damit die Mitarbeiter ihre Mittagspausen mit den Kindern verbringen können. „Ein Projekt, das von Handwerkern kommt, nicht vom Land oder von der Stadt“, erzählt er stolz. „Keiner hat mir geglaubt, dass das in der Form angenommen wird. Hier waren ja sämtliche Politiker zum Kaffeetrinken.“ Der Erfolg gibt ihm Recht. Der Handwerkerhof Adler ist ein Leuchtturmprojekt. „Wenn du weiterkommen willst, musst du übern Tellerrand gucken und sehen, ob die Beziehung zu allen noch in Ordnung ist.“ Das ist seine Maxime. „Das ist wie in einer guten Ehe“, schmunzelt er.

Ralf Adler zeigt mir das ganze Gelände. Vor seinem Eingang in Übergröße aus Holz: Zollstock und Bleistift. Gegenüber steht ein Bauwagen mit der Aufschrift „Richtung Zukunft“. „Der Zimmermann ist oben auf dem Dach. Sobald er auf der Baustelle ist, rennen alle zu ihm, denn alle haben mit ihm zu tun“, erklärt er abschließend. „Wenn du das verinnerlichst, dann ist das ist deinem Leben auch so. Das hat sich hier bewahrheitet.“ Ralf Adler zeigt Weitblick, als Zimmerer und als Mensch.

Der Lehrling sonnt sich neben dem Fachwerkhäuschen auf einem Holzbett.