Roswitha Hardt„Guten Tag!“ Im Türrahmen des Düsseldorfer Fotostudios ihrer Schwester, Beate Knappe, steht Roswitha Hardt und bittet mich herein. Ihr Kurzhaarschnitt, eine leichte Metallbrille, ein kariertes Hemd mit lilafarbener Weste, helle Jeans und flache Schuhe verleihen der Mittsiebzigerin ein sportliches Aussehen. Ihr Gesicht: übersät mit Sommersprossen, ihre Erscheinung: stattlich, eine Frau, die Tacheles reden kann, ehrlich und direkt. „Ein Meter 84 groß, wenn das noch stimmt“, sagt sie, während wir im Studio Platz nehmen, umgeben von ausdrucksstarken Porträtfotos in Schwarz-Weiß, die ringsum an den Wänden hängen. „Ich erzähle alles“, erklärt Roswitha Hardt bereitwillig, bietet mir gleich das Du an und lehnt sich entspannt zurück.

„Beate ist meine jüngere Halbschwester“, beginnt sie. „Wir haben dieselbe Mutter, aber nachdem mein Vater 1944 gefallen ist, hat meine Mutter noch mal geheiratet, und 1950 wurde Beate geboren.“ Roswitha Hardt wurde 1940 in Wülfrath, im Niederbergischen Land, geboren. Dort wuchs sie auf und zog später nach Neviges in das Haus ihrer Großmutter. „Das ist zwar nicht so ganz mein Ding, aber jetzt bin ich schon so lange in Neviges … Wir haben dort jemanden, der für seinen Blog den Grimme-Preis bekommen hat. Er schreibt immer über ,das Kaff‘, aber ironisch-nett. Und so ist es auch“, amüsiert sie sich. „Bei uns ist nichts los, wir können natürlich auch kein Geld ausgeben. Das ist sein Fazit.“

Der Altersunterschied zwischen den beiden Schwestern war in der Kindheit zu groß, um Spielkameradinnen sein zu können. Mit einem Baby konnte sie damals nicht viel anfangen: „Ich sollte Beate dann verwahren, dazu hatte ich keine Lust, ich wollte lieber spielen“, gibt sie offen zu. Erst in den letzten Jahren, nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes, rückten beide näher zusammen. „Dann stand sie da und hat das geregelt. Mittlerweile sind wir uns sehr nah gekommen“, sagt sie leise. „Früher waren ja jede Menge Kinder da, im Haus, in der Nachbarschaft. Wir haben viel gespielt“, erinnert sie sich. Ob auf der Straße oder im großen Hof hinterm Haus – Rollschuhe, Roller, Rappelbilder, Hüpfkasten, Völkerball waren die Spiele ihrer Kindheit. Vor dem Fernseher zu sitzen war damals noch keine Option. Man bewegte sich draußen.

Roswitha Hardt erhielt eine Empfehlung fürs Gymnasium, die Kosten hierfür wollte eine Patentante übernehmen. „Ich habe gesagt, nein, da will ich nicht hin.“ Unter Kindern aus reichen Unternehmerfamilien hätte sie sich nicht wohlgefühlt. „Da war der Vater Direktor der Kalkwerke oder eines Karosseriewerks und und und … Das war nicht meine Welt.“ Entschlossen begann sie 1955 nach der Volksschule in Velbert eine dreijährige Lehre als kaufmännische Angestellte im Verkauf für Glas und Porzellan. „Es war damals sehr schwer, eine Lehrstelle zu bekommen. Ich habe überall Prüfungen gemacht, meine Mutter war immer dabei. Glas und Porzellan: Das hat mir am Anfang gar nichts gesagt“, erzählt sie. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sie genau die richtige Entscheidung getroffen hat. Der schöne Werkstoff faszinierte sie immer mehr, und nach der Lehre ging sie nach Mettmann und besuchte in ihrem Urlaub die Fachschule in Zwiesel, wo gehobene Glaskultur seit Jahrhunderten Tradition hat.

Über 40 Jahre war sie als Verkäuferin und Einkäuferin für Glas und Porzellan tätig und erteilte den Lehrlingen Unterricht. Warum der Werkstoff sie begeistert? „Weil das eine ganz tolle Klamotte ist!“, bricht es aus ihr heraus. Sie gerät ins Schwärmen. „Allein die Herstellung – hochinteressant! Es ist äußerst schwierig, mit der langen Glaspfeife Glas zu blasen. Und die Hitze! Alle haben eine Kanne Wasser neben sich stehen, das habe ich noch gut in Erinnerung. Das haben wir auch gelernt genauso wie Gravieren und Schleifen. Porzellan ist eine Mischung aus Kaolin, Quarz und Feldspat und war früher eher rötlich“, erklärt sie sachkundig und spricht über China und Meissen. Zwanzig Jahre war sie damals alt. Die zwei Wochen in Zwiesel mit Ausflügen nach Luisenburg und Passau stehen ihr noch lebhaft vor Augen. „War schön!“ Außerdem nahm sie sich schon damals vor, immer etwas mehr zu können und zu wissen als die andern, um sich beruflich möglichst gut abzusichern.

Ihren ersten Mann lernte sie auf der Mettmanner Kirmes kennen, mit 25 heiratete sie. „Für die damalige Zeit war das spät. Mit 30 war dann alles zu Ende“, resümiert sie nüchtern. Den Kontakt zu seiner Großmutter hielt sie trotzdem aufrecht. „Die Oma konnte ja nichts dafür. Ich hab sie jede Woche einmal besucht.“ Mit deren Tochter, seiner Tante, begann sie damals zu verreisen. Die ersten Touren unternahmen sie noch mit dem Auto, in den Siebzigerjahren begann dann die Zeit der bezahlbaren touristischen Flugreisen. „Über den Jugendfahrtendienst war ich 1962 einmal alleine auf Mallorca, da dauerte der Flug in der Propellermaschine noch vier Stunden. Zwischendurch wollte ich aussteigen, weil mir schlecht war.“ Sie lacht. „Der Flughafen war nur eine Wellblechbude, das war noch richtig abenteuerlich. Aber es waren nur junge Leute da. Das hat mir gefallen.“

Die Liebe zum Reisen wurde ihr bereits in die Wiege gelegt und blieb bis heute ihre große Leidenschaft: „Unsere Mutter hat ihren Bruder in Polen mit dem Zug besucht und mich schon als Säugling mitgenommen“, erzählt sie. Was ihr am Reisen gefällt? „Ich bin ein neugieriger Mensch“, antwortet sie spontan. Das Leben der anderen, die Landschaft, alles Fremde interessiert sie. Die Entfernungen wurden weiter, die Reisen länger, Roswitha Hardt las vorab Bücher, bereitete sich vor, wusste sich vor Ort sofort zu orientieren.

Als sie mit Mitte Dreißig das Haus ihrer Großmutter erbte, vermietete sie die leer stehende erste Etage und lernte so ihren zweiten Mann kennen, der mit seiner Mutter einzog. „Er hat sich die Wohnung angesehen, stand im weißen Malerdress im Türrahmen, und ich dachte: Das ist der richtige Mann!“ Auf zwei Etagen im selben Haus näherte man sich an. „Da fing die Klüngelei an, das war ganz praktisch“, sagt sie salopp. Bei Streit konnte sich jeder zurückziehen. „Wir haben dann auch noch sehr spät geheiratet. Das hat über 30 Jahre gehalten.“ Die Erinnerung geht ihr nahe…